Ein Fußballspiel verdoppelt die Wirklichkeit, zerteilt sie in zwei Hälften, die wirkliche Hälfte und die Spielhälfte, die dann erneut zweigeteilt wird, und zwar wiederum zweifach: innerhalb der Raum- und der Zeitdimension.

Ein Fußballspiel ist eine Episode, es hat einen Anfang, eine Mitte (die Halbzeitpause) und ein Ende. Das Spiel negiert die Wirklichkeit aber nicht. Es wird nur eine zweite Wirklichkeit verwirklicht, eine zweite Realität realisiert: die Wirklichkeit des Spiels. Diese Wirklichkeit gehorcht ganz bestimmten Bedingungen. Die wirkliche Wirklichkeit kennt keinen Schiedsrichter, der Kriege, Scheidungen oder Umweltkatastrophen einfach abpfeifen könnte. Aber natürlich enthält jedes Fußballspiel immer auch Verweisungen auf die gleichzeitig weiterexistierende Wirklichkeit. Es markiert sich selbst in jedem Moment als Spiel, das zusammenbricht, wenn diese Wirklichkeit plötzlich Einzug hält – etwa in Form eines starken Regengusses, eines Bänderrisses oder das Spielfeld stürmender Fans.

Damit das Spiel weitergehen kann, müssen seine Grenzen überwacht werden. Das geschieht in Form der Seitenlinien. „Aus“ heißt: Der Ball hat die Grenze übertreten, die das Spielgeschehen von der Wirklichkeit trennt. Es erfordert dann besondere Vorkehrungen, ihn diese Grenze erneut kreuzen zu lassen – etwa als Einwurf, der wiederum richtig ausgeführt werden muss. Die Spieler orientieren sich in der Regel an diesen Regeln, die festlegen, worin sich das Spielgeschehen von der Umwelt unterscheidet. Zwar gehört auch regelwidriges Verhalten zum Spiel, sprich: Die Spielregeln werden nicht hinfällig dadurch, dass jemand sie nicht beachtet. Aber die Regelwidrigkeit muss auch durch den Schiedsrichter korrigiert werden, sonst gehört sie nicht zum Spiel. In den Worten Otto Rehhagels: Abseits ist, wenn der Schiedsrichter pfeift.

Die Form des einzelnen Fußballspiels ist die Einheit der Differenz kontinuierlich/diskret oder auch analog/digital. Immer, wenn ein Ball angenommen wird, findet ein physikalischer Prozess statt. Deshalb ist Fußball Begrenzungen unterworfen, den Begrenzungen Newtons. Sie werden von physikalischen Gesetzen diktiert. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von Dynamik. Ein Fußballspiel ist ein dynamisches Geschehen. Derartige physikalische Systeme besitzen eine hohe Anzahl von Freiheitsgraden. Die Zahl der Möglichkeiten ist riesig. Im Fußball ist deshalb zwar nicht alles möglich, wie Franz Beckenbauer glaubt – aber vieles. Diese Veränderungen des Spielgeschehens vollziehen sich in einem Spiel nicht in Sprüngen, sondern glatt und stufenlos. Bis, heißt das, ein Tor fällt!

Von diesem Moment an ist alles anders. Waren vorher alle Übergänge kontinuierlicher Natur, ist diese Veränderung abrupt. Denn zwischen einem Tor und einem Nicht-Tor befindet sich:  nichts. Das Spiel ‚flip-flopt’, ähnlich einem Computer. Ein Tor lässt es für einen kurzen Moment innehalten. Es springt von einem Zustand in einen anderen. Genau das macht Spiele so unberechenbar, weil dieser plötzliche Zustandswechsel einen Unterschied macht, der einen gewaltigen Unterschied macht. Mit einem Mal stehen zwei andere Mannschaften auf dem Feld, ‚kippen’ längst entschiedene Partien …

Obwohl die Spieler und der Ball ständig in Bewegung sind, ändert sich der Spielstand also nur, wenn ein Tor gefallen ist. Egal, wie gut das Dribbling war. Auch wenn das Eckenverhältnis 16:0 steht. All das spielt keine Rolle. Und wenn das Spiel vorbei ist, zählt nur der letzte Punktestand. Die trockene Auflistung von Gewinnern und Verlieren, von Punkten usw. steht diesem unterhaltsamen Aspekt des Fußballspiels gegenüber. Sie ist etwas anderes. Hier das Spiel, dort die Listen. Hier ein Spielzug – dort die Frage: Tor oder nicht? Hier die Statistik – die Realität der Einzelfälle, der Beinschüsse, Handspiele, Einwürfe usw. – dort die fiktionale Realität der statistischen Aggregate, die Deutschland zu einer Turniermannschaft macht. Die Statistik beruht auf dieser Differenz von Realität und Fiktion, von Einzelwirklichkeit und aggregierender – eben fiktiver – Realität. Dass diese Aggregation – „Fakten, Fakten, Fakten“ – wiederum Einfluss nehmen kann auf das konkrete Spielgeschehen, ist bekannt. Der Glaube (an die Statistik) kann Berge versetzen (Spiele entscheiden).