3 x Maren Lehmann (Alle Rechte: Zeppelin Universität)

Anfang nächsten Jahres erscheint bei Emerald das von Steffen Roth, Holger Briel, Changsong Wang und mir betreute Sonderheft von Kybernetes zum Thema ‘Shifting Spheres’. Darin findet sich auch ein Gespräch, das ich mit Ingrid Volkmer (University of Melbourne) und Maren Lehmann (Zeppelin Universität) geführt habe. Maren antwortete zunächst auf Deutsch – und wie so oft hatte ich bei der Übersetzung das Gefühl, dass hier etwas verlorengeht. In diesem Fall: Marens so genaue wie spielerische Art zu denken. Ihr Buchtitel ‘Theorie in Skizzen’ bringt diese Eigenschaft auf den Punkt: ihre begrifflichen Anstrengungen beschränken sich auf das Wesentliche, und sie wirken im gleichen Moment ganz unangestrengt, wie mit leichter Hand gezeichnet. Das Ergebnis ist eine Kombination von Vorläufigkeit und gedanklicher Strenge, ist eine Eleganz, die ich so bei keinem anderen Denker der Gegenwart finde.

Vielleicht ist Englisch aber auch einfach nicht genau genug für sie? ‘Weak sauce’, fiel Marens Übersetzerin Elexis Ellis dazu ein. Bitte versuchen Sie selbst einmal, ihren wunderbaren Ausdruck des ‘zugewandten Unterscheidungsvermögens’ zu übersetzen!

So oder so, dieses Gefühl eines Verlusts ist der Hauptgrund dafür, warum ich ihre Antworten hier vorab öffentlich zugänglich mache. Ein anderer: dass viele ihrer Gedanken sich auf aktuelle Fragen beziehen – also schon jetzt ‘helfen’ können. Zum Beispiel, was sie zu den ‘Grenzen von Öffentlichkeit’ zu sagen hat, etwa im Hinblick auf die gegenwärtigen Corona-Proteste und die Anhänger der QAnon-Verschwörungstheorie, die sich, mit ihren Worten: nicht “zur Nüchternheit und zur taktvollen Selbstbeherrschung entschließen können”: “Für all diese Menschen gibt es keinerlei Öffentlichkeit; für all diese Menschen sind die Grenzen existentiell geschlossen.” (In derart kleinen Dosen genossen, ist Pathos völlig ungefährlich. Und aus meiner Sicht hier auch mehr als angebracht.) Gleiches trifft auf ihre Bemerkungen zur Corona-Krise zu: Das Virus verhalte sich, so Maren, “als habe es Steven Soderberghs Contagion gesehen”: “es kennt unsere Schritte, bevor wir sie tun”.

INTERVIEW-AUSZUG: “Nein, kein Konsens! Denn wozu?”

Was ist dein Konzept von Öffentlichkeit?

Vielleicht würde ich ganz allgemein sagen: Öffentlichkeit ist eine Form der Kommunikation über Grenzen, die ihren Sinn in der Öffnung dieser Grenzen hat. Gregory Bateson hat gelegentlich einmal bemerkt, Grenzen seien nicht Mauern, sondern Brücken; und in diesem Sinne wäre Öffentlichkeit ein Brückenkonzept. Wenn Öffentlichkeit möglich ist, also wenn über Grenzen kommuniziert werden kann, dann lassen sich soziale Umgebungen nicht mehr als abgeschlossene Binnenräume verstehen. Vermutlich setzt das die Möglichkeit voraus, diese Umgebungen nicht nur von innen zu beobachten – denn dann erscheinen sie eben als Umgebung, als Umwelt des eigenen Blicks –, sondern von außen oder so, als ob es von außen wäre, im Modus der Kritik oder des Protests. Eine bestimmte Öffentlichkeit entsteht für mich schon, wenn Personen einander beobachten, sogar nur einander wahrnehmen, weil sie dadurch aus dem Gehäuse ihres Eigensinns gezogen werden. In diesem Sinne wäre Öffentlichkeit so etwas wie der Gegenbegriff zu Idiosynkrasie. Und etwas spezifischer: Öffentlichkeit ist der Raum, die Sphäre, in der Beobachtungen nicht diskreditiert werden können, nicht unter Verdacht gestellt werden, nicht abgewiesen werden können. In diesem eher politischen Sinne wäre Öffentlichkeit so etwas wie der Gegenbegriff des Privaten. Wenn man diese Überlegung generalisiert, also Kommunikation über Grenzen als Systemform der Gesellschaft betrachtet und sowohl für Funktionssysteme wie für Organisationen, Familien, Interaktionssysteme diskutiert, könnte sich zeigen, dass es kein System gibt, das nicht öffentlich ist – weil es kein soziales System gibt, das nicht beobachtet und über dessen Grenzen nicht kommuniziert wird. Aber es wäre ein spezifisches politisches Problem, weil die Politik das Sozialsystem ist, das sich mit der Berücksichtigung und der Abweisbarkeit von Ansprüchen oder Inanspruchnahmen beschäftigt, die sich aus Beobachtungen ergeben können.

Das wäre vielleicht erst einmal eine Nullaussage, eine simple Ableitung aus systemtheoretischen Basisannahmen. Interessant wird es, wenn man sich die medialen Limitationen ansieht, mit denen sich diese über Grenzen kommunizierende Öffentlichkeit arrangiert: Bücher, Presse, Radio, Fernsehen, Internet; sogenannte alte und sogenannte neue Medien, usw. Diese medialen Limitationen zeigen, dass Öffentlichkeit auf spezifische Weise begrenzt ist – sie schafft Umgebungen eigener Art, selektive mediale Ökologien, die solange ihrerseits öffentlich bleiben, wie sie sich gegenseitig beobachten bzw. eben auch über ihre je eigenen Grenzen kommunizieren. Häufig wird das als Selbstreferenz der Medien, ja als deren leere Selbstreferenz kritisiert oder beschimpft, aber es ist die Voraussetzung dafür, überhaupt von Öffentlichkeit sprechen zu können: Medien beobachten Medien, auch dies ist Kommunikation über Grenzen. Mich beschäftigt sehr die Frage, wie sich die einzelnen Medien in dieser Hinsicht unterscheiden, ob es gewissermaßen medienspezifische Stilformen der Öffentlichkeit gibt. 

Welche Bedeutung hat das Habermassche Konzept für dich?

An Habermas’ Konzept hat mich immer das Vertrauen in kritische Vernunft interessiert, in ein – wenn man das so sagen kann – zugewandtes Unterscheidungsvermögen, auch in eine reservierte, besser nüchterne Beteiligungsbereitschaft. Das leuchtet mir sehr ein, aber es leuchtet mir als Desiderat ein: ich wünsche mir das auch, es wäre wundervoll, wenn sich so etwas finden ließe. Man wäre tatsächlich wie unter Freunden, unter Geistesverwandten, gerade weil es wahrscheinlicher wäre, Widerspruch zu erfahren, als Zustimmung. Unbeschreiblich schön wäre das: nicht ausgeschlossen zu werden, wenn man widerspricht, nicht ausgeschlossen zu bleiben, wenn man nicht verstanden wird. Aber kann ein Desiderat ein Konzept sein? Wie normativ, also wie ausgrenzend ist die Grundregel der Vernunft und der Verständigungsbereitschaft? Wie bestechlich ist Vernunft? Ist die letztlich ja politische Öffentlichkeit des kritischen Diskurses, auf die Habermas hofft und auf die auch ich hoffe, nicht von einer Verführung zur Zugehörigkeit oder eben der Anerkennung, des Gehört- und Gesehenwerdens unterspült? Setzt Diskursbereitschaft nicht Diskursfähigkeit voraus, also diskursive Bildung, und ist diese Voraussetzung nicht zugleich kulturell exklusiver Code? So dass Verständigung als Währung im Kampf um Distinktionsgewinne fungiert – und Kritik erstickt?

Wann bist du seinem Konzept zum ersten Mal begegnet?

Nicht in kritischer Öffentlichkeit, wenn ich kalauern darf. Sondern im Studium, wo er normativ eingesetzt und gegen jeden anderen Theorievorschlag – v.a. Strukturalismus, Ethnomethodologie, Systemtheorie – gewandt wurde. Was sich aber weitgehend auflöst, wenn man Habermas liest. Habermas‘ Theorie wurde als Munition im Kampf gegen rivalisierende Theorieschulen eingesetzt; mit seinen Büchern hatte das nichts zu tun. Das geht ja übrigens tatsächlich, wenn man ein Seminar privatistisch-partikularistisch versteht: Wir machen das hier so und so. Wenn man es als Form der Universität versteht und als öffentliche Sphäre ernst nimmt, geht das allerdings eben nicht, dann können Theorievorschläge nicht abgewiesen werden, sondern münden immer in Diskussion. Insoweit muß ich sagen, dass mir Habermas‘ Theorie begegnete in Zusammenhängen, die seinem Theorievorschlag widersprachen. Aber davon lernt man ja viel.

Das ist inzwischen zwanzig, bald dreißig Jahre her, und heute begegnet mir Habermas‘ Theorie – die sich ja stark variiert darstellt; der Öffentlichkeitsbegriff spielt kaum noch eine Rolle – genauso wie Luhmanns oder Foucaults Theorie als plakative Chiffre, die irgendwie auf goldene soziologische Zeiten verweisen soll. Und dann begegnet mir Habermas‘ Öffentlichkeitskonzept auch gewissermaßen als melancholische Warnung, denn die heute praktizierten Kritik- und Protestformen sind häufig derart borniert, idiosynkratisch, verständigungsavers, dass ich praktisch täglich darüber nachdenke, wie attraktiv und zugleich unwahrscheinlich sein Konzept der Öffentlichkeit vermutlich ist. Ein Wunschtraum.

Hat das, was Habermas die bürgerliche Öffentlichkeit nennt, je existiert? 

Aber ja, sicher. Die Frage muss nur – zumindest in einem praktischen, pragmatischen Sinne, zumal wenn man Habermas‘ Begriff zugrundelegt – sein: für wen hat sie existiert? Und für wen nicht? Für die Gebildeten hat sie existiert, für die ökonomisch Abgesicherten hat sie existiert, für die Großstädter hat sie existiert. Man mag tatsächlich von Bürgerlichkeit sprechen, vielleicht. Letztere Einschränkung würde ich machen: die neuzeitliche, wahrscheinlich sogar nur die moderne Stadt ist Voraussetzung für Öffentlichkeit in einem praktischen Sinn, weil die Großstadt die soziale Form ist, die Grenzen für überbrückbar hält. Also bestand und besteht Öffentlichkeit wahrscheinlich tatsächlich für gebildete, ökonomisch zuversichtliche Großstädter – und unter diesen in ihrer akademischen Form für die Universitätsangehörigen -, und für sie existiert sie noch immer. Die Öffentlichkeit ländlich-kleinstädtischen Lebens ist, soweit ich sehe, immer privatistisch, immer partikularistisch. Aber auch in den Großstädten wirkt Bildung – auch und vielleicht vor allem: Bildung zur Kritik – exklusiv. Ausgeschlossen bis heute sind Menschen, die nicht lesen und schreiben und rechnen können. Ausgeschlossen bis heute sind Menschen, die qua Wahrnehmung für Fremde gehalten werden – man muss ja ernstnehmen, daß Kritik sich in der Regel am Verstandenen entzündet, also einen gewissen Bias zugunsten des Vertrauten und Gewohnten hat; Fremdes wird gegebenenfalls gelobt, aber nicht kritisch gewürdigt. Ausgeschlossen sind Menschen, die sich nicht zur Nüchternheit und zur taktvollen Selbstbeherrschung entschließen können – und das sind ja nicht Betrunkene oder Exaltierte, sondern Menschen in Angst und existentieller Not oder in einer panikähnlichen Verunsicherung. Für all diese Menschen gibt es keinerlei Öffentlichkeit; für all diese Menschen sind die Grenzen existentiell geschlossen.

Welche Verschiebungen der Öffentlichkeit hast du zuletzt beobachtet?

In jüngster Zeit habe ich mich – orientiert an Luhmanns Ausdruck der Enthemmung der Kommunikation – mit der Frage beschäftigt, ob die sogenannten neuen Medien, ob also vor allem das Internet und dort vor allem die social media so etwas wie Negationsmaschinen sind. Meine Überlegung geht dahin, eine gewisse Schwächung der sozialen und vor allem der sachlichen Dimension von Sinn zugunsten einer Stärkung der zeitlichen Dimension zu vermuten und eine Kommunikationsform entstehen oder sich ausbreiten zu sehen, die auf schiere Operativität setzt. Langsamkeit, Zögern, Grübeln, Schwebezustände, Ambiguitäten usw. würden dann diskreditiert, Schnelligkeit, Schärfe, Action, Entscheidung usw. würden privilegiert. Negationen eignen sich in solchen Zusammenhängen dafür, nächste Schritte – also forcierte Operativität – zu provozieren, ohne sich auf sachliche Abwägungen und soziale Würdigungen einlassen zu müssen. Um eine Analogie zu bemühen: das Internet, tatsächlich ein Netz, erschiene dann wie eine sozial eher anonyme und sachlich eher indifferente, zeitlich aber extrem schnelle Großstadt, eine universalistisch beobachtende, rasant sich verdichtende Weltstadt, die in sich Plattformen ausdifferenziert, die einem partikularistischen bias folgen. Eine kritische Öffentlichkeit in Habermas‘ Intention wäre in einem solchen Netz wohl verloren; ihr Sinn würde nicht verstanden.

Welche Auswirkungen der Corona-Krise auf die Öffentlichkeit sind dir aufgefallen? Was fällt dir ganz generell zum Virus ein?

Ich beobachte einerseits eine interessante Sensibilität für autologische, selbstreferentielle Strukturen und andererseits eine verstörende Affinität zu traditionalen Managementformen. Einerseits verhält sich das Virus, als habe es zum Beispiel Steven Soderberghs Contagion gesehen und sei darauf vorbereitet, dass wir diesen Film ebenfalls gesehen haben – es kennt unsere Schritte, bevor wir sie tun. Dadurch ist unsere Zukunft plötzlich ein erfahrbares Implikat unserer Gegenwart – die Zukunft kann, wie Luhmann schon vor Jahrzehnten formuliert hat, nicht beginnen, weil sie schon begonnen hat. Daraus entsteht so etwas wie eine faszinierte Lähmung. Und diese Lähmung scheint mir ihren medialen Ausdruck in der verkrampften Regungslosigkeit zu finden, in der wir auf die Präsenzsimulationen unserer Bildschirme starren – bisher übrigens ohne Sinn für die Komplikation, die daraus entsteht, dass diese Bildschirme zunehmend touch screens sind. Andererseits wird die Verbreitung des Virus als Duplikat massenmedialer Vernetzungen aufgefaßt, mit denen traditionale Administrationen schon lange rivalisieren. Das Virus wird zwar bewundert, weil es den Inklusionsimperativ der modernen Gesellschaft ja geradezu perfekt realisiert: jeden kann es erfassen, niemanden nicht. Aber als Kehrseite dieser Bewunderung entsteht ein Handlungsbedarf, der priorisieren, präferieren, seligieren muß, um durchsetzungsfähig zu sein. Der viralen Grenzenlosigkeit wird mit Relevanzhierarchisierungen begegnet, die alles diskreditieren, was als Formvariante des Virus erscheint: das Unverständliche, das Unfaßbare, das Unruhige. Die Rede von der Stunde der Exekutive ist teuflisch, scheint mir, nicht zuletzt auch für die öffentliche Sphäre. 

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