vatero4-696x1024

Mein lieber Sohn,

über Deinen Brief habe ich mich sehr gefreut. Er hat mich aber auch nachdenklich gemacht. Ich halte die Einseitigkeit Deiner Identitätspolitik für sehr gefährlich. Erlaube mir, das ein wenig näher auszuführen.

Du scheinst nicht um die Beziehungsabhängigkeit zu wissen, die unser aller Leben bestimmt. Das ist nicht Deine Schuld, dieser irregeleitete Individualismus ist eben kultureller Natur. Jeder will, ja soll heute möglichst groß ‘rauskommen’. Auch Du begeisterst Dich für alles, was Dich noch grandioser zu machen verspricht. Jetzt erscheint demnächst Dein Buch – das freut mich für Dich. Aber Du täuschst Dich darüber, wie wichtig, wie entscheidend soziale Kontakte für Dein Wohlergehen sind. Wir sind nichts ohne die anderen! Auf Dich allein gestellt, lassen sich Belastungen, Rückschläge, Enttäuschungen kaum vermeiden. Was, wenn die Kritik ‘System Pop’ in der Luft zerreisst? Als eine Banalisierung Luhmans verhöhnt? Oder noch schlimmer, wenn es gar nicht wahrgenommen wird?

Je öfter man in den schönsten Spiegel der eigenen Grandiosität schaut (die neidischen Blicke der anderen!), um so schwerer fällt es einem, Rückschläge zu verdauen. Stolz und Scham liegen beim Versuch der Selbsterhöhung durch andere, durch den sozialen Statusgewinn, nah beieinander. Wer hoch hinauswill – und das willst Du offenbar: die erste umfassende systemtheoretische Konzeptualisierung von Pop! –, der sollte in der Lage sein, die Scham unausweichlicher Niederlagen bewältigen zu können. Denn das sind sie: unausweichlich! Ansonsten zwingt Dich die Scham, eben weil Du sie anders nicht bewältigen kannst, zum Weiter-wie-bisher. Der normale Ausweg aus einer solchen Situation bleibt Dir sonst verschlossen: die Umkehr.

Deine Schwester hat mir berichtet, dass Du sehr viel trinkst. Bier, Schnaps, Wein. Dass Du ins Kino gehst, ins Theater, Dir teure Kleidung kaufst. Möglichst viel konsumieren, um möglichst große Lust zu erleben, nicht wahr? Ich war auch einmal so. Glaub mir, diese Lebensorientierung kann nicht – um ein Modewort zu verwenden, das mir nicht sonderlich behagt, aber in diesem Fall scheint es mir angemessen – diese Orientierung kann nicht nachhaltig sein. Die Genussfähigkeit lässt nach, ich habe es selbst verlebt – und zwar schneller, als man glaubt. Kurzfristig infolge der schnell einsetzenden Anpassung an den wiederholt gewählten Reiz, langfristig aufgrund körperlicher Umstände.

Dein Glaube wird Dir helfen, den tragischen Seiten des Lebens zu trotzen. Aber es ist auch wichtig, dass Du aus Misserfolgen lernst, aus Überforderungen Deine Lehren ziehst. Wenn Dir etwas nicht gleich gelingt, dann versuchst Du es – so trotzig wie selbstbezogen – immer weiter wie bisher. Das führt in einen Teufelskreis.

Aus meinen Forschungen weiß ich, dass unsere Stress-Systeme früh im Leben geprägt werden. Der Umstand, dass Deine Mutter in den letzten Wochen ihrer Schwangerschaft intravenös ernährt werden musste, dass sie keinerlei feste Nahrung zu sich nehmen konnte, hatte mit Sicherheit Auswirkungen auf Deine Fähigkeit, Stressreaktionen ‘runterzuregulieren’. Aber diese Fähigkeit hängt auch davon ab, was Du von Dir selbst – und von Deinem Umfeld! – erwartest. Wie Du Beziehungen gestaltest, wie Du Deine Partnerschaft organisierst. Wie Du Dich selbst durchs Leben führst, das hast Du erlernt – und auch ich bin mitverantwortlich dafür, das weiß ich wohl.

Doch Du bist viel anspruchsvoller, als ich es je war. Du willst höher hinaus und Du verfolgst Deine Zeile selbstbewusster, um nicht zu sagen: rücksichtsloser. Du vernachlässigst seit Jahren die Sorge um Dein Selbst-System, um es mit einem Ausdruck Deines Mentors Peter Fuchs zu sagen. Aber Dein Wohlergehen ist einer Vielzahl glücklicher – und das heißt instabiler! – Umstände geschuldet.

Ich rate Dir, Dich dieser Verpflichtung zur Selbstsorge zu stellen. Hör auf mit diesen Selbstrechtfertigungen. Das hilft weder Dir noch Deinem Umfeld. Und dazu gehört auch

Dein Dich liebender Vater