Sciencity 2013

Lieber Herr Heidingsfelder,

Populärkultur dringt überall ein, sie macht auch vor den Gedichten, die heute geschrieben werden nicht Halt. Die Poesie ist weder ein Reservat noch ein Museum. Sie ist auch kein Sanktuarium, wie einige ihrer Hohepriester im vorigen Jahrhundert es noch erträumten. Für einige ist sie nicht einmal mehr die humanistische Sphäre der Meditation, die sie über so viele Jahrhunderte hinweg war.

Ihre Öffnung nach allen Seiten hat das Gleichgültigwerden gegen sie bewirkt – ein hoher Preis. Sie ist sozusagen aus allen Himmeln auf die Erde gefallen, mitten hinein in die schmutzigen Geschäfte, die politischen Kämpfe, den unedlen Alltag. Nun kann sie zusehen, wer ihr noch Aufmerksamkeit schenkt.
Vor allem ist sie selbst ein Teil der Populärkultur geworden, in Gestalt einiger ihrer großen Singersongwriter wie Bob Dylan oder Leonard Cohen, beide legitime Erben uralter lyrischer Traditionen. Um überhaupt noch etwas zu sagen zu haben, mußte sie ihre natürlich Arroganz überwinden. Sie mußte die puristische Strenge, die glanzvolle Autonomie des L’art pour l’art aufgeben und sich der Vielfalt realer Erscheinungen öffnen.
Mallarmé hat den Zufall für das Gedicht entdeckt, die Leere hinter den Symbolen. Die nach ihm mußten sich der Nichtigkeit jeder Bedeutung stellen, dem Ende der Mythologien, der Springflut des Vielerlei einer Warenkultur, die keine Lebenswelt unberührt läßt und alles, auch die Sprache der Dichtung, dem säkularen Gebrauch anverwandelt. Eine Poesie analog zur Pop Art hat es gegeben, sie war aber eine vorübergehende Erscheinung, so wie die Pop Art selbst.

Herzliche Grüße
Ihr

Durs Grünbein