Öffentliche Meinung

Was ist das eigentlich, öffentliche Meinung?

Jedenfalls kein eindeutig definierbarer Sachverhalt. Also ‘öffentliche Meinung’ ist kein Begriff. Nicht mehr!

War das denn mal anders?

Früher hat man darunter so eine Art kritische Instanz verstanden. Öffentliche Meinung als ein Medium der Aufklärung, das staatliches Handeln kontrolliert. Aber diese altliberale Idee findet heute kaum noch Anhänger.

Weil die Verhältnisse sich geändert haben.

Logisch. Und wenn man die altliberale Konzeption an diesen Verhältnissen misst, schneiden die natürlich ziemlich schlecht ab. Das ist auch kein Wunder. Resultate sind von einer unstrukturierten Öffentlichkeit kaum zu erwarten. Öffentlichkeit als eine Art kritischer Resonanzboden ist nur möglich, wenn sie strukturiert ist, und das heißt: durch Organisationen strukturiert ist.

So ungefähr stellt Habermas sich das doch vor: Öffentliche Meinung als kritische Publizität.

Schon, aber wie will man die öffentliche Meinung dann noch unterscheiden von organisierter Informationsverarbeitung?

Und wenn man sagt: Öffentliche Meinung ist … ein Aggregat … abfragbarer Eigenschaften … einzelner Personen?

Sehr schön. Ich würde eher versuchen, sie von ihrer Funktion her zu begreifen. Also nicht ontisch-qualitativ vorzugehen. Dann sieht man sofort, dass die Sozialordnung natürlich an der Vorselektion öffentlicher Themen beteiligt ist. Alle Ansichten und Einstellungen sind sozial mitbestimmt. Es hängt also nicht allein von irgendwelchen innerpsychischen Prozessen ab, wenn mehreren Menschen dasselbe Thema in den Sinn kommt. Persönlichkeitsstrukturen spielen eine Rolle, keine Frage. Auch die Erhaltung und ‘Verteidigung’ dieser Strukturen. Aber wenn wir diese Unterhaltung fortsetzen wollen, dann geht das nur, wenn wir uns über die Wahl und die Variation unseres Themas verständigen können, in diesem Fall des Themas ‘öffentliche Meinung’. Ohne dieses Mindestmaß an Konsens geht es nicht. Und dieser Konsens über akzeptierbare Themen kann natürlich nicht erst in der Situation geschaffen werden, in der wir zu sprechen beginnen.

Natürlich nicht.

Ach ja? Und warum nicht?

Weil er immer schon vorausgesetzt werden muss.

Genau. Zumindest in rudimentärer Form. Ansonsten hätte unser Gespräch gar nicht beginnen können. Du warst der Ansicht, dass öffentliche Meinung ein akzeptables Thema ist, ich genauso. Wir waren uns einig: Darüber kann man sich unterhalten. Und dann haben wir im Laufe des Gesprächs den Konsens getestet. Ihn verengt: indem wir uns geeinigt haben auf eine funktionale Bestimmung des Begriffs.

Wir ist gut. Und wenn ich ihn auf das Thema ‘Café Tricky’ ausdehne?

Würden andere vermutlich aussteigen. Oder nachfragen: Wie bitte, Café was? Allerdings kann ein Thema wie ‘Café Tricky’ ja institutionalisiert werden.

Das heißt?

Dass es ohne nähere Prüfung, vor allem ohne Kenntnis der Eigenarten des Gegenübers als normal erwartet wird. Ich könnte dann mit jedem so übers ‘Café Tricky’ sprechen wie mit dir. Keiner würde sich wundern: Wie bitte, was? Nicht nur die Tatsache, dass ich darüber spreche, würde dann als normal empfunden,  sondern auch die Erwartung selbst: Wetten, gleich kommt er aufs ‘Café Tricky’ zu sprechen! Rein theoretisch kann es als Thema – wie jede soziale Erwartung – instituitionalisiert werden. Dir ist klar, dass du dich nicht falsch verhältst, wenn du aufs ‘Café Tricky’ anspielst, und mir ist klar, dass dir das klar ist. Wenn das wiederum auch dem Fremden klar ist, der zufällig vorbeikommt, dann kann man von der Institutionalisierung des Themas sprechen.

Wie jetzt beim ‘System Wulff’.

Das ist ein gutes Beispiel für die Institutionalisierung eines Themas durch die Massenmedien. Wer damals über Wulff sprechen wollte, musste nicht erst begründen, warum er auf ihn zu sprechen kam. Das konnte vorausgesetzt werden. Genau das ist typisch für ein institutionalisiertes Thema. Wenn ich mit einem Fremden übers ‘Café Tricky’ sprechen will, muss ich die Initiative ergreifen, muss ihm meine Ansicht ausdrücklich und in verständlicher Ausführlichkeit darlegen – und vermutlich auch begründen, warum ich das jetzt tue: ausgerechnet über dieses Café  zu sprechen.

Das Thema muss institutionalisiert werden.

Ja, und solange das nicht passiert, wird man mir dieses Abweichen vom thematischen Konsens sozusagen in Rechnung stellen. Man rechnet mir diese Abweichung persönlich zu, was man nicht tun würde, wenn ich – sagen wir – auf Griechenland oder die Euro-Krise  zu sprechen käme. Und das zwingt mich zu einer Selbstdarstellung, die ich eigentlich lieber vermeiden würde.

Du musst dich engagieren. Und das willst du nicht.

Du etwa?

Klar!

Wer auf die Euro-Krise zu sprechen kommt, fällt nicht weiter auf. Wer aufs ‘Café Tricky’ zu sprechen kommt, schon eher.

Um so besser.

Wie du meinst. Aber du musst eben auch die Folgekosten tragen.

Was muss man denn da tragen?

Die Begründungslast. Insofern setzt so ein Vorstoß einen besonderen Motivdruck voraus. Ich will ja im Gegensatz zu dir im Gespräch nicht persönlich sichtbar werden. Vielleicht werde ich sogar abgelehnt, lächerlich gemacht, verachtet: Der schon wieder mit seinem ‘Café Tricky’! Das ist also nicht nur eine Benachteiligung in Sachen Lastenverteilung. Das wiegt schwerer.

Und wie geht so eine Themeninstitutionalisierung vor sich? Als eine Art Verhaltenszwang? Als Druck der öffentlichen Meinung?

So hat man das früher gesehen. Aber öffentliche Meinung heißt ja nicht, dass alle einer Meinung sind. Dass Einigkeit darüber herrscht, ob Sanktionen sinnvoll sind. Ob sich ein Thema als Motiv aufdrängt oder nicht. Auch der, der gegen den Strom anschwimmt, also dem Druck der öffentlichen Meinung nicht nachgibt, dem Druck der Bild-Zeitung standhält, hat heutzutage gute Chancen, ohne Sanktionen davonzukommen.

Hape Kerkeling!

Das ist ein gutes Beispiel. Seine Parteinahme für Wulff hat zwar alle erstaunt, aber geschadet hat sie ihm nicht. Er wurde persönlich sichtbar, das ja. Wer um seine Freundschaft zum Partymanager Manfred Schmidt weiß, dem war der Grund schnell klar – vielleicht hat Schmidt ihn ja sogar um diesen Gefallen gebeten. Aber das ist Spekulation. Man sollte den Institutionenbegriff jedenfalls nicht nur strukturell konzipieren. So hat das die ältere Lehre von der öffentlichen Meinung gemacht: den Institutionenbegriff antiinstitutionell verstanden. Als kritische Instanz begriffen. Deshalb konnte man die Funktion der öffentlichen Meinung nicht erkennen: die Institutionalisierung von Themen. Am Grad der Konformität von Themenwahlen und Ansichten allein lässt sich diese Funktion kaum ablesen.

Und welches Problem löst diese Institutionalisierung?

Welches wohl.

Keine Ahnung.

Sie reduziert Komplexität. Weil man davon ausgehen kann, dass die Wahl des Themas und die Prämissen dieser Wahl durch Konsens gedeckt sind. Wie gesagt, jede Kommunikation muss konsentierte Prämissen voraussetzen, anders geht es nicht. Selbst Abweichungen wie Pädophilie oder Holocaustleugnung können nur mitgeteilt werden in einer intersubjektiv konstituierten Welt, die im übrigen unangetastet bleibt.

Hat denn jede Themenwahl Prämissen?

Anders geht es nicht. Es kann ja nicht alles zugleich Thema werden. Jede Themenwahl hat bestimmte  Voraussetzungen zur Grundlage, die nicht mitthematisiert werden. Deshalb kann auch nicht der gesamte Konsens auf einmal problematisiert werden. Der ist nötig, ja, aber er wird nicht durch Kommunikation festgestellt. Er musss durch Institutionalisierung abgedeckt werden. Insofern korreliert der Begriff der Prämisse mit dem der Institutionalisierung.

Verstehe. Institutionalisierung verhindert also nicht, dass ich die Konsensfrage stelle. Aber sie zu stellen, kostet Zeit.

Du sagst es.