Mitgliedschaft

Mit der Regelung von Eintritt und Austritt in DFB, DFL oder einen bestimmten Verein sind bestimmte strukturelle Fundamentalentscheidungen verbunden. Die strukturelle Charakteristik zeigt sich vor allem in der Kombination und Trennung unterschiedlicher Rollen. Wer den Spielern sagen möchte, wo es langgeht, und wer sich sagen lassen möchte, wo es langgeht, weil er Geld dafür bekommt, muss zunächst einmal Mitglied eines Vereins sein. Die Mitgliedsrolle erschließt den Zugang zu allen anderen Rollen im Fußball, seien sie formaler oder informeller Natur. Denn natürlich sind längst nicht alle Erwartungen und Handlungen im Fußball formal organisiert.

Wer als Trainer, Funktionär oder Spieler arbeiten will, muss sich an einer Vielzahl unterschiedlicher Erwartungen orientieren können, an bestimmten kulturellen Typen genauso wie an situationsgebundenen Unterstellungen, an Kontinuitätserwartungen und Diskontinuitätserwartungen, an Erwartungen, die auf Regel-, und an Erwartungen, die auf Personenkenntnis beruhen. Der Trainer des FC Bayern geht davon aus, dass das Trainingsgelände an der Säbener Straße sich auch morgen noch an der Säbener Straße befindet, dass er sich auf seine Spieler – mehr oder weniger – verlassen kann, dass die Trikots halten und die Schuhe nicht bei der ersten Ballberührung auseinanderfliegen. Das Gleiche gilt natürlich auch für den Fan, der Fußball nicht als Arbeit, sondern – im Gegensatz zum Fan-Beauftragten – als Freizeitvergnügen begreift. Von diesen konkreten Handlungen, die durch unterschiedlichste Verhaltenserwartungen geordnet sind, muss die formale Organisation als eine Teilstruktur des Fußballs unterschieden werden.

Der Vorteil dieser Unterscheidung liegt darin, dass sie auch die Berücksichtigung latenter Rollen und Funktionen erlaubt, also jener Dinge, die den meisten Fußballakteuren gar nicht bewusst sind. Die formale Norm allein kann einen komplexen Handlungszusammenhang wie Fußball kaum erklären. Sinn und Entfaltungsmöglichkeiten formaler Erwartungen müssen im Kontext “faktisch gelebter Sozialität” (Luhmann) gesehen werden. Und die kennt eine Vielzahl unterschiedlicher, nicht auf Lohn und Strafe zurückgehender Motive, kennt irrationales Verhalten, kennt emotionale Indifferenz gegenüber Zwecken und Vorgesetzten. Die Realität des Fußballs besteht in dieser Faktizität der einzelnen Handlungen – hier die soziale Integration, dort die persönliche.

Handlungen und Erwartungen haben für den Fußball dabei eine andere Funktion als für den einzelnen Spieler. Was ein Philipp Lahm als Spieler des FC Bayern München tut, dient nicht einfach seiner Selbstdarstellung. Er muß auf die Rationalität des Vereins mit eigenen Formen der Selbstrationalisierung reagieren, er muss in der Lage sein, Gefühle zu vertagen, Ausdrucksbedürfnisse zurückzuhalten, Interviews nicht oder anders zu geben, er muss Vereinsinteressen und solche der eigenen Person koordinieren können. Das ist nicht immer leicht. Von einem Fußballspieler des FC Bayern München wird ja nicht nur verlangt, etwas ‘beizutragen’ (Tore, Flanken usw.). Sondern auch ein bestimmtes verbales Verhalten, das die formalen Erwartungen stützt und zuletzt ihre Institutionalisierung möglich macht. Ein Philipp Lahm muss die Ziele und Zwecke des FC Bayern München gutheißen, er muss die Entscheidungsrechte der Vereinsführung anerkennen und alle formalen Regeln achten und bestätigen. Auch dann, wenn es gar nicht um das eigene Verhalten geht.