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Gilles Deleuze hatte mit seiner Metapher des Rhizoms nicht zuletzt eine Alternative zu den alten, in Schulen organisierten gesellschaftlichen Strukturen aufgezeigt, in deren Mittelpunkt das Subjekt des Autors stand, von dem – als einer Art ‚Zentralsonne’ – alles seinen Ausgang nahm, und zu dem alle Wege hinführten – „jede hat ihren Papst, ihre Manifeste, ihre Repräsentanten … ihre Tribunale und Exkommunikationen“. Seine Vorstellung eines ‚Dramas sich überkreuzender Linien‘, der kollektiven Äußerungsverkettung, die an deren Stelle treten sollte, hatten sich die enthusiastischen Netzdenker für ihre Zwecke zu eigen gemacht, die im Internet jene Infrastruktur erblickten, die diese schöpferischen Funktionen gleichsam würde freisetzen können – denn was anderes als eine gigantische, weltumspannende Struktur von ‚Treff-Punkten‘ stellt es dar? In diesem Sinne sollte es zu einem Instrument der Befreiung werden.

Für Deleuze war nicht so sehr die ‚Sterilisierung‘ der Adepten und Schüler das Problem, sondern die Engstirnigkeit, die das, was anderswo geschah – außerhalb der Schulen – zu ‚ersticken‘ suchte. Doch was die Adepten von Deleuze übersahen, ihn gleichsam selbst sterilisierend, war sein Hinweis auf das Marketing, das seiner Ansicht nach als „düstere Organisation“ an die Stelle der Schulen trat und zuletzt eine Rekonstituierung der Autorfunktion ermöglichte. Seine Forderung: die „von jener immer wieder neu sich formierenden Autorfunktion befreiten produktiven, schöpferischen Funktionen wieder zu erfinden und zu entwickeln“.

Aus dieser Perspektive erscheint die Forderung Geert Lovinks, der das Internet reparieren möchte, weil es ‚kaputt’ sei – sprich: den ihm zugemuteten Idealen der Befreiung und Gleichberechtigung nicht nachkommt – als ein solcher Versuch der Planierung. Lovink gehört – genau wie Nicholas Carr – zu einer Schule der Kritik, deren Repräsentant er ist. Würde er versuchen, seinen eigenen Forderungen gerecht zu werden, müßte er auf seine Tätigkeit als Buchautor verzichten und Teil einer Produktionsgruppen werden, die Verbindungen zwischen schöpferischen Funktionen durchsetzt und lebendige Interaktion herstellt, „gebrochene Linien zieht“, anstatt einen Ausgangspunkt zu konstituieren (das  Postulat des ‚guten‘ Netzes als Instrument zur Konstruktion einer positiv konnotierten Weltgesellschaft), von dem alle seine Aussagen abhängen. Gegen dieses Netzideal schneidet die Netzwirklichkeit natürlich nicht besonders gut ab. Und genau darum geht es, denn erst das Ideal, nicht die Wirklichkeit, ermöglicht seine Kritik. Es bildet den blinden Fleck eines Denkens, das Kommunikation mit Technologie identifiziert (‘verwechselt’), und die von ihm beobachteten Defekte des Internet – und damit der Gesellschaft – für behebbar hält. Der Gedanke, dass die Kritik ‚kaputt’ sein könnte, kommt ihm nicht.

Lovink sieht, was wir nicht sehen: dass die IT-Unternehmen uns mit dem Begriff der ‚Plattform’ ein X für ein U vormachen, mit diesem neutralen Begriff ihre Profitinteressen tarnen, und zudem die „Kollision von Privatsphäre und Überwachungsaktivitäten, Gemeinschafts- und Werbeinvestitionen“ ermöglichen. Er ist, wie es die Rolle des Kritikers vorsieht, ein kompetenter Beobachter. Genau wie Carr und Lanier versucht er sich als Ratgeber, schließlich weiß er es besser, formuliert also Handlungsansätze für den einzelnen User und fordert von der Wissenschaft – ganz so, als ließe diese sich addressieren – das Beobachten aufzugeben und zur Tat zu schreiten, die da lautet: helfen, den Computer als „Instrument der menschlichen Befreiung“ wiederzuentdecken. Mit einem Wort, sein Buch kreiert eine contradictio in adiecto: gutmeinende Forschung.

Illustration: Florian Meisenberg 2017, Screenshot from OF DEFECTIVE GODS & LUCID DREAMS (THE MUSEUM IS CLOSED FOR RENOVATION), Courtesy Henie Onstad Kunstsenter Oslo, ICA, Philadelphia and Florian Meisenberg