Bisher hatte Heino – laut eigenen Angaben – “die schönen alten Lieder zu neuem Leben erweckt”. Nun verfährt er genau umgekehrt. Sein aktuelles Album, auf dem der „Schunkel-Opa“ (BILD) Songs von Rammstein und den Ärzten covert, parasitiert an einer Art allergischen Reaktion des Pop-Systems. Ähnlicher Taktiken der Verunsicherung bedienten sich Musiker wie Jan Distelmayer oder Heinz-Rudolf Kunze – mit dem nicht unwesentlichen Unterschied, dass Heino von der Schlager-Seite kreuzt. Das Resultat: Man weiß für einen Augenblick nicht weiter, muss die Kombination von Schlager und Rockgitarre, Hipster und Spießer, Rocker und Schunkel-Opa in Strukturen umformen, und reagiert entweder normativ (Heino darf das nicht) und hat dann das Problem, die Erwartungen an Pop kontrafaktisch aufrechterhalten zu müssen – oder man stellt die Strukturen um.

Der Einschluss von Heino in Pop verlief in zwei Stufen, zunächst vorbereitet durch den „wahren Heino“ Norbert Hähnel, der den lange Geschmähten unter dem Kult-Etikett wieder salon- bzw. popfähig machte, schließlich durch Heino selbst, dem mit dem Enzian-Rap in den 80er Jahren ein Hit gelang. Heino berichtet: „Der damalige Pop-Manager von Eastwest-Records, Michael Oplesch, wollte den Titel sicherheitshalber erstmal testen: Wir müssen rauskriegen, ob die jungen Leute das überhaupt annehmen. Er hatte eine brillante Test-Idee. Ich sollte mit dem Rap-Enzian in die Pop-Sendung Formel 1 des Bayerischen Fernsehens gehen. Das war eine moderne, freche, unkonventionelle und sehr beliebte Show, in der die aktuellen Hits aus den Charts vorgestellt wurden. Eine junge, kesse Moderatorin, flippy Kulissen, kurze witzige Interviews. Das Modernste, was es damals für die Kids zwischen 12 und 17 im Fernsehen gab.“ Heino wird ein Rock’n’Roll-Symbol zugemutet: „Ich musste eine Lederjacke anziehen … Ich legte los, und die Kids haben spontan mitgesungen. Als ich fertig war mit dem Enzian-Rap, brach im Studio die Hölle los. Es war auf Anhieb ein Riesenerfolg … Ich war der einzige traditionelle Sänger unter lauter Rock- und Pop-Größen, zum Beispiel Udo Lindenberg … Es gab keinen Generationskonflikt, wir verstanden uns alle.“

Grundsätzlich panzert sich das System gegen Änderungsdruck. Es stellt intern zur Wahl, wie es auf Irritationen reagiert, ob es sie als Störung verbucht oder als Anregung. Der Vorteil dieser Zwei-Seiten-Prozessualität: trotz zunehmender Komplexität ist immer noch klar, was Pop ist und was nicht, können Regelmäßigkeiten errechnet werden. Doch jede Unterscheidung ist dekonstruierbar. Das System kann die Welt ja nur mit einer flexiblen, nicht irgendwelche Gegenstände fixierenden Unterscheidung erfassen. Das System registriert Heino als Nicht-Pop – genau wie er sich selbst: als „einziger traditioneller Sänger unter lauter Rock- und Pop-Größen“ – und diese Registratur ist ihm nur möglich, weil es sich an bereits regulierten Erwartungen ausrichtet. Heino irritiert, mehr noch: stört die normalen Abläufe. Man will mit ihm nichts zu tun haben. Der Sänger selbst ist sich dessen bewusst: Eigentlich gehört ein Heino ja nicht in eine moderne, freche, unkonventionelle Sendung wie Formel 1 – sondern in eine brave, konventionelle. Was aber, wenn er rapt, eine Lederjacke anzieht? Wenn er einen Punksong covert? Dann „britzelt“ es. Entweder Pop ändert daraufhin die Struktur, so dass das Ereignis als strukturkonform erscheinen kann, oder es bleibt bei der Struktur, externalisiert, rechnet Heino also weiterhin der Umwelt zu. Im Falle des Enzian-Rap modalisiert Pop die Erwartung, reagiert also nicht normativ, wie Oplesch befürchtet hatte. Denn gerade die normative Reaktion auf Heino war die bisher übliche: „Meine Lieder wurden verrissen, die Texte niedergemacht, ich selber wurde in die Nähe der Rechtsradikalen, der Ewiggestrigen gerückt.“

Die Camp- und Trash-Semantik trug erheblich dazu bei, Schlager als Pop zu verwahrscheinlichen. Das Britzeln ist längst einem sanften Schimmern gewichen. Business as usual: Bushido rapt mit bzw. vs. Karel Gott, die Sportfreunde Stiller treten zusammen mit Udo Jürgens auf, Heino covert die Ärzte – und niemand regt sich auf. Bis auf einige Ewiggestrige wie den Manager der Band, was wiederum die Selektoren der Massenmedien wirksam werden lässt, die nun über ein Thema verfügen, das sie aufgreifen und in Information verwandeln können: „Rocker-Krieg gegen Heino!“

Das systemeigene Netzwerk beantwortet die Frage nach dem Schlager also anders als die Reflexionseliten des Systems. Für sie bleibt er ein wichtiger Bestandteil der eigenen imaginären Konstruktionen – eine Art semantischer Zombie, ein lebender Toter, der nicht sterben darf, weil er ständig negiert werden und genau dafür zur Verfügung stehen muss. „Untote Musik“ nennt Tobias Rüther den Schlager denn auch anläßlich des aktuellen Heino-Albums in der FAS. Anstatt die Erwartungen an Pop aufzugeben oder zumindest zu korrigieren (mit der taz: “Wir machen doch alle eh bloß Heino-Musik!”), hält man enttäuschungsimmun fest an einer heilen Welt, in der ein authentischer Rocker sich von einem “Heini” wie Heino grundlegend unterscheidet. Hier Redundanz und „aufs höchste Pathos gepumpte Sentenzenhaftigkeit“ (Rüther über Geboren um zu leben) – dort eine Musik, die nicht so tut als ob, sondern die ist, was sie ist. Zum Glück kann diese Semantik der Authentizität, der nicht-redundanten Texte und der Distinktionsgewinne die spielerische Variation der Popformen aber nicht verhindern. Die Semantik kann in eine illusionäre, bessere Welt verschoben werden, eine Welt der originellen und interessanten Songtexte, der brillanten und ironischen Aussagen, der Interpreten, die Liedern “etwas Neues, Ungesagtes über sich selbst entlocken” (Rüther), mit einem Wort: in eine Welt des guten Pop. Der wirkliche macht derweil einfach weiter.

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