Gut unendlich

(Bild: Christian Hellmich)

An Minimal Techno lässt sich studieren, dass auch die Wiederholung ein- und derselben Sequenz den Hörer zu fesseln vermag. Es tut sich nichts – und genau deshalb tut sich etwas. Und genau deshalb tut sich etwas. Und genau deshalb tut sich etwas. Die Kontinuität des Immergleichen sorgt für eine kontinuierliche Steigerung. Indem der Rhythmus in sich selbst zurückläuft, führt er vor, dass selbst die exakte Wiederholung nie auf dasselbe trifft, weil das, was wiederholt wird, sich nicht an derselben Zeitstelle wiederholt. Nicht die Zeit selbst wird ja reversibel. Der Effekt: “Je öfter man ihn hört, desto besser wird er.« (Jeff Mills) Eine Art Phasenverschiebung, eine strukturelle Rück-Kopplung, nur dass sich diese Selbsterregung nicht der Kopplung von Lautsprecher und Mikrofon, sondern der Verkettung einer Sequenz mit sich selbst verdankt, biting its tail, die wiederum mit dem Bewusstsein gekoppelt wird.

In die Verkettung des Immergleichen projiziert das Bewusstsein Veränderung, wenn man so will: Seele. Der Loop nimmt ein Selbst an, Invarianz kippt in Varianz, Zeitresistenz vermag sich der Zeit nicht mehr zu widersetzen. Was emergiert, ist eine neue Stabilität.

Die veränderte Wahrnehmung eines sich nicht verändernden, identisch reproduzierten Musters informiert uns über die Gesetzmäßigkeiten unserer Wahrnehmung, die Identitäten erst konstruiert. Minimal Techno realisiert einen Sonderfall der sensorischen Deprivation: die Reizung mit dem immerselben Reiz sorgt für einen imaginären, geisterhaften, unheimlichen Groove. Bewusstsein scheint nicht anders zu können, als Bewegung und ein Geschehen dort zu halluzinieren, wo die Statik der Wiederholung für Stille sorgt: sei es ein »Temsys«, das sich irgendwann einstellt, wenn das Wort System regelmäßig wiederholt wird, sei es die als Verstärkung oder Intensivierung des Grooves empfundene Differenz, die sich in die Iteration eines identischen Samples schiebt. Es überlagern sich zwei Schaltkreise: die Wiederholung eines Samples – und die Wieder-Holung der autopioetischen Reproduktion des Bewusstseins, deren Vergegenwärtigung. Das Bewusstsein hört dasselbe, wird also durch die immergleiche Fremdreferenz, das immergleiche Sample besetzt, während es sich reproduziert. Nur dass diese Reproduktion anderen Gesetzen folgt – Autopoiesis ist kein Loop. Sie »flimmert« nicht, realisiert keine schlechte Unendlichkeit. Andernfalls wäre für das Bewusstsein weder Zeit noch Umwelt relevant. Luhmann: »Erst die Zeitdifferenz, erst die rekursive Organisation von Andersheiten […] in der Zeit, bringt ein System dazu, intern zwischen Selbstreferenz und Fremdreferenz zu unterscheiden.«

Die Differenz in der Wiederholung verdankt sich der Eigenzeit des Bewusstseins, es wieder-holt das Wiederholte und produziert so Sinn. Was rekursiv organisiert wird, ist dasselbe – immer anders. Viele Minimal Techno-Platten erweisen sich allerdings als zu monoton, das Immergleiche bleibt immer gleich, der Zirkel wird nicht produktiv. den Ausschnitten fehlt der ›Drive‹, die Potentialität einer das Bewusstsein fesselnden Relationsstruktur. Im Loop muss genug Differenz stecken, um die Identität in der Schwebe halten zu können, er muss eine interne Asymmetrisierung aufweisen. Nur dann erweist sich dasselbe als anders, lässt sich die innere Leere des Zirkels füllen und das erwünschte Phänomen provozieren. Nur dann hat die Wiederholung einen Doppeleffekt: einerseits schafft und kondensiert der Rhythmus Identität, die Wiederholung wird als Wiederholung erkannt, andererseits konfirmiert er Differenz – und das schon, weil das Erkennen später geschieht. Dadurch kommt es zu einer Anreicherung von Sinn. Noch einmal Jeff Mills: »Da die Musik sich nicht ändert und weil du weißt, dass sie sich nicht ändert, wirst du entspannter. Du erkennst den Rhythmus und kannst deinen Körper wesentlich besser dazu bewegen.«

Durch die Rhythmen wird die Fähigkeit zur Selbstreferenz so zeitweise eingezogen. Der Beat ›enticht‹, bewirkt psychische Absencen, was bis hin zu tranceähnlichen Zuständen gehen kann. Es ist die Wiederholung, so Roland Barthes, die zur Wollust führt: »bis zum Exzeß wiederholen, das heißt, sich verlieren, in das Nichts des Signifikats eingehen«. Trance ist ein Effekt dieser Wiederholung  immergleicher Andersheiten, die sich nur deshalb an die Stelle der autopoietischen Reproduktion setzen können, weil diese Reproduktion sich dem Zeitmodus des Bewusstseins zumindest stellenweise angleicht, also entweder Variationen einzieht – so die Differenz schon in der Selbigkeit des Samples steckt –, oder selbst Variationen appräsentiert, sprich: die Differenz für das Bewusstsein vor-produziert.

Um sich an die Stelle der autopoietischen Reproduktion des Bewusstseins setzen zu können, muss ein Song aber bestimmte Eigenschaften aufweisen. Songs, die auf Trancezustände aus sind, verzichten auf prägnante Motive und komplizierte Texte, die eine Rückkehr des Bewusstseins bewirken würden. Sie garantieren extreme Konstanz und Monotonie, ohne deshalb langweilig zu werden, indem sie minimale Variationen, einen »feinkörnigen Wechsel von Klangfarben, Strukturen, Intervallen und Intensitäten« (Cox) und ein Minimum an Information präsentieren: dass es weitergeht mit dem »Ich-Hier-Jetzt« (Dominik Paß).