Die ersten Fußballregeln werden 1846 von Studenten der Universität Cambridge verfasst. Sie sehen vor, dass in einer Mannschaft 15 bis 20 Spieler mitwirken dürfen. Erst 1870 wird die Zahl der Spieler auf 11 begrenzt. 1863 trennt man sich vom härteren Rugby, die Football Association wird gegründet. Noch ist das Handspiel erlaubt. 1868 erfolgt die erste Kleiderordnung: Die Hosen müssen über die Knie reichen.

Was bedeuten solche formale Regeln? Warum berufen sich Fußballer auf sie?

Die Antwort ist: Um sich auf sie berufen zu können. Genau davon hängt ihr konkreter Sinn ab. Regeln müssen benutzt werden – oder genauer: Man muss davon ausgehen können, dass sie benutzt werden. Dass ein Elfmeter gepfiffen, ein Tor gegeben wird.

Bernd Hölzenbein dringt in den holländischen Strafraum ein. Die Aussicht auf die Situation, in der ein Elfmeterpfiff erfolgen könnte, und auf die Möglichkeit des Verhaltens in einer solchen Situation geben der Regel des Elfmeters seine Bedeutung: als einer faktischen Entscheidungsprämisse. Nicht die innere Logik des Elfmeters allein –

ein Vergehen im Strafraum zieht womöglich einen Strafstoß nach sich, bei dessen Ausführung alle Spieler, mit Ausnahme des Ausführenden und des Torwarts, mindesten 9,5 Meter von der Strafstoßmarke entfernt sein müssen, und zwar so lange, bis der Ball eine Umdrehung zurückgelegt hat; der Torhüter muss auf der Torlinie zwischen den Torpfosten stehen, bis der Ball gestoßen wird, wobei der ‘Stoß’ wiederum nach vorne erfolgen muss

– ist also entscheidend. Viel wichtiger ist die Möglichkeit ihres Gebrauchs, die Aussicht auf einen Elfmeter: die Möglichkeit, in einer bestimmten Situation entweder aufgrund unsportlichen Verhaltens verwarnt oder einen Strafstoß zugesprochen zu kommen. Nur deshalb werden bestimmte Entscheidungen an Regeln orientiert.

Manchmal muss der Schiedsrichter die Spieler an die Erwartungen erinnern, die sie erfüllen müssen, um weiter mitspielen zu können. In der Benutzerperspektive können sich Schiedsrichter und Mitspieler begegnen und einen gemeinsamen Nenner finden für ihre Operationen mit- oder gegeneinander. Als Benutzer von Regeln unterscheiden sich die Schiedsrichter und die Spieler also nicht wesentlich. Nur faktisch: Beide sind imstande und befugt, andere an ihre formalen Pflichten zu erinnern, indem sie sich auf die Regeln berufen. Oder: ein Auge zudrücken.

Denn auch das ist bekanntlich möglich, wenn auch nicht durch Regeln geregelt. Entweder man zitiert die Regeln. Oder man toleriert faktisch abweichendes Verhalten: Fouls, Handspiele, falsche Einwürfe, Abseitspositionen. Das gilt für Schiedsrichter wie für Spieler gleichermaßen. Wann man sich auf eine Regel beruft und wann man Abweichungen toleriert, kann weder der eine noch der andere frei entscheiden. Die Frage stellt sich ja immer nur in der konkreten Situation, in der sie sich stellt, die dann meistens die eine oder die andere Lösung nahelegt. Das Verhalten in einer solchen Situation ist demnach nicht rein zufällig. Es ist auch nicht persönlich motiviert, es folgt einer ganz bestimmten Sozialordnung.

Die Begrenzung der Verhaltensmöglichkeiten in einem Fußballspiel wird durch die Verteilung der Verantwortlichkeit begrenzt. Nur der Schiedsrichter kann für die Erhaltung der Regeln verantwortlich gemacht werden. Er wird Abweichungen daher nur dulden, wenn er sich durch besondere Kautelen absichern kann, etwa indem er einen bestimmten Vorgang offiziell nicht zur Kenntnis nimmt. Aber nicht nur die Verhaltensmöglichkeiten in einem Fußballspiel unterliegen im Fußball einer Begrenzung. Sie existieren in anderer Form im Verein, sie begegnen in den zahlreichen Organisationen wie dem DFB oder der DFL oder der Fifa. Das Fußballspiel ist ein Sonderfall, weil die Regeln des Spiels – im Gegensatz zu denen des Vereins – nur zeitweise in Kraft sind, nicht immer. Mitunter genießen bestimmte Spieler und Vereine bei den Schiedsrichtern einen persönlichen Kredit. Auch in einer straff organisierten hierarchischen Organisation wie dem DFB können Personen von höherem Status erfolgreich Toleranz für abweichendes, ungewöhnliches Verhalten in Anspruch nehmen. Aber diesen persönlichen Abweichungskredit genießen auch sensible Spieler, die zu Depressionen neigen, oder überhaupt jeder, dessen besondere persönliche Empfindlichkeiten aus welchen Gründen auch immer geschont werden.

Zitieren und tolerieren sind zwei Verhaltensweisen, die voraussehbare, besondere Wirkungen haben, und sich genau deshalb anbieten. Eine Regel wie der Strafstoß dient dem, der einen Vorteil aus ihm ziehen kann, als Waffe, wenn er sie zitiert. Umgekehrt wird ein nicht gegebener Strafstoß oft zum Tauschjobjekt. Man spricht dann von einer ‘Ausgleichsentscheidung’. So kann eine Mannschaft durch Berufung auf die Regel manche Angelegenheit zu ihren Gunsten wenden. Deshalb kann man sagen, dass Regeln hart umkämpfte Ecksteine eines jeden Fußballspiels sind. Ihr strategischer Wert liegt nicht etwa darin, dass man sie exakt befolgt, sondern darin, dass über Befolgung und Nichtbefolgung entschieden werden kann – und über die dazwischenliegenden Nunancen (gelbe statt roter Karte). Ein Schiedsrichter sollte aber nicht zu viele Abweichungen tolerieren. Jede Abweichung stellt die Norm, ja die Fußballtreue selbst in Frage.

Was kann man tun, um den expressiven Gehalt einer Verfehlung abzuschwächen, sie ihrer Symbolwirkung zu entkleiden? Man kann sie verstecken, mehr oder weniger unbeabsichtigt vollziehen – dann unterläuft sie einem – oder sie gar nicht erst erkennen. Es hilft jedenfalls nicht viel, die Gründe für ein Foul durchsichtig zu machen. Jeder Fußballer muss vom groben Schwarz-Weiß der Regeln absehen können, die alles Fußballhandeln unter entweder legal oder illegal verbuchen, und seine Einstellung raffinieren, einen Sinn für Nuancen entwickeln – und für die Kombination der Gegensätze Foul-Nicht-Foul. Denn die Frage – legal oder nicht – stellt sich während eines Spiels nicht immer. Ein kurzer Schlenker ins Illegale … es gibt viele Möglichkeiten, am Rande der Legalität zu bleiben. Ein probates Mittel etwa ist die buchstäbliche und gerade dadurch verletzte Regelerfüllung (Sabotage). Der Schiedsrichter sollte daher ein hohes Maß an Geschick besitzen, um zwischen den Spannungen von Erwartungen und den Interaktionen eines Spiels vermitteln zu können. Ein gewisses Maß an Abweichung ist geradezu notwendig, ja: funktional. Ein Fußballspiel bedarf der illegalen wie der legalen Handlungen, es ist regelrecht darauf angewiesen. Wer ein Foul verbergen will, bedarf bestimmter „Hilfshandlungen des Schützens und Versteckens“ (Luhmann). Dabei ist die abweichende genau wie die konforme Handlung sozial mitmotiviert. Sie ist nicht individueller als das Befolgen der Regeln. Welche Funktion also hat das abweichende Verhalten, das Foul? Es hat die Funktion, die Ordnung des Spiels zu bestätigen. Die Abweichung von der prominenten Hauptstruktur des Spiels ist also funktional. Man könnte höchstens das entgegengesetzte, normwidrige Verhalten in die Normordnung mit hinneinnehmen, es inkorporieren. Dann hätte man es mit einer flexiblen, einer elastischen Norm zu tun.

Fouls sind nicht jedermanns Sache. Das liegt daran, dass ihr wichtigstes Merkmal die Ungewissheit der Kosten ist. Sie blockiert die meisten Möglichkeiten, rational zu entscheiden – man muss es also riskieren: Audere est facere. Oder sekundäre Stützen, die das Risiko mindern, mit hineinnehmen (die Hände hochheben). Die vorsichtige, verständnisvolle Hand des Schiedsrichters, der Wille, Spiele nicht unnötig zu zerstören, kann dabei viele der Nachteile ausgleichen. Im Schatten der offiziellen Spielordnung werden auf diese Weise wichtige Leistungen erbracht.

(Vgl. Niklas Luhmann, Funktionen und Folgen formaler Organisation)