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Als mein amerikanischer Kollege mir die raubkopierte Version von American Sniper übergab, fühlte er sich offenbar bemüßigt, mehrfach darauf hinzuweisen: dass es sich um einen ‘controversial movie’ handle. Eine Art Warnung also. Ob er sie aussprach, um vor mir nicht als linientreuer amerikanischer Nationalist dazustehen, der die militärischen Interventionen seines Vaterlands im Nahen Osten gutheißt – gerade hier in Pakistan, wo wir beide unterrichten, keine sehr populäre Position -, oder ob er mich nur auf die um diesen Film herum laufende Debatte aufmerksam machen wollte, ich weiß es nicht.

Eines steht jedenfalls fest: American Sniper ist ein movie. Weiterhin gehört er einem ganz bestimmten Genre zu, das ganz bestimmten Regeln folgt: dem Kriegsfilmgenre, nicht etwa dem Dokumentarfilmgenre. (Auch wenn die Grenzen hier, wie überall in der Gesellschaft, zusehends zu verschwimmen scheinen – was sie aber nicht hinfällig macht.)
Ein Werturteil sei außerdem eingangs noch hinzugefügt: Meines Erachtens ist der Film um Klassen besser als der andere Kriegsfilm der Saison, der vom speckigen Gesicht Brad Pitts dominierte Fury, der das Thema von 300 in die Gegenwart überträgt: eine kleine tapfere Truppe geht gegen einen übermächtigen Feind in den Tod. In American Sniper spielt ebenfalls ein Ungleichgewicht die Hauptrolle, hier ist es ein einziger Mann, der den Unterschied ausmacht und sich den Feinden – nun ja, nicht direkt entgegenstellt. Ihnen auflauert. Sie hinterrücks – buchstäblich, weil oft in den Rücken schießend – ermordet. Wir sollten hier aber vielleicht genau sein: Natürlich sind Soldaten keine Mörder, zumindest nicht aus Sicht des Gesetzes. Die ausgleichende Gerechtigkeit, die vom Zuschauer aber als Ungerechtigkeit erfahren wird, erfahren werden soll: der Sniper wird am Ende ebenfalls feige getötet, ermordet in diesem Fall – wenn auch von einem eigenen, offenbar vom Krieg traumatisierten Landsmann. Man könnte also sagen: er wird vom Krieg selbst erledigt.
Der Schuß in den Rücken spielt auch in Fury eine entscheidende Rolle; er wirkt in der Dramaturgie wie ein Scharnier und macht aus dem Kriegslehrling einen echten Soldaten. Ein Glück, dass der in den Rücken getroffene Deutsche nicht nur ein Jammerlappen ist, der undeutsch um sein Leben winselt, sondern darüber hinaus noch häßlich – tatsächlich erinnert die Physiognomie auffällig an die von den Nazis als ‘jüdisch’ identifizierten Züge.
Eastwood zeigt den amerikanischen Schützen nicht nur als feigen Mörder aus dem Hintergrund, wie mancher Kritiker schrieb – er war klug genug, seinen Helden auch im Nahkampf einzusetzen, ihm also Tapferkeit zu bescheinigen, um die Sympathiewerte zu erhöhen. Ein Scharfschütze mag kein Held sein, wie Seth Rogen anläßlich des Films bekundete, und der von Daniel Brühl in Tarantinos Hitler-Oper Inglorious Basterds gespielte German Sniper erscheint uns denn auch als keiner – aber ein gelegentlicher Scharfschütze, der sich für den Häuserkampf nicht zu schade ist, um die unerfahrenen Neulinge zu unterstützen, taugt durchaus zum Helden. (Das Drehbuch für Eastwoods soldatisches Epos beruht auf der Biographie von Chris Kyle, Fury wurde sogar selbst von einem ehemaligen, begeisterten Soldaten gedreht.)
Die Überlegung, dass die Figur des Scharfschützen eine Metapher für den Drohnenkrieg der USA sein könnte, liegt nahe. Das wird vor allem in dem Moment des Films überdeutlich, den man als Höhepunkt bezeichnen könnte: wenn Kyle seinen Gegenspieler, den Islamic Sniper, erledigt. Die Animation der über eine große Distanz fliegenden Kugel gemahnt an Bombenabwurfbilder, nur dass diese Bombe – die Kugel – sich nicht vertikal, sondern horizontal auf den Feind zubewegt. Es kommt zu keiner Konfrontation, zu keinem Kampf. Kyle bewegt den Finger, so wie die vom amerikanischen Militär angeheuerten, die Drohnen steuernden Gamer mittels eines ‘Mausklicks’ schießen. Der Aufschrei der Medien auf die Äußerung Prinz Harrys, der das reale mit dem virtuellen Töten in Verbindung gesetzt hatte – “It’s a joy for me because I’m one of those people who loves playing PlayStation and Xbox, so with my thumbs I like to think that I’m probably quite useful.” – war ein deutliches Indiz dafür, dass der wilde Prinz hier einen Nerv getroffen, sprich: allzu offen ausgeplaudert hatte, wie die moderne Kriegsführung des Westens inklusive der Rekrutierungsstrategie funktioniert.
Während der Regisseur von Fury – dessen Namen ich leider nicht erinnere, und die Mühe des Nachsehens lohnt in diesem Fall kaum – auf die Schönheit apokalyptisch verwüsteter, rauchender Trümmerlandschaften setzt – der Film beginnt mit einem wunderbaren Tableau und dem Kontrast Kultur/Natur bzw. schwarze Panzer/weißer Schimmel und knüpft durchaus an die Ästhetik einer Leni Riefenstahl an, prozessiert also ein Paradox: ein Anti-Nazifilm will selbst nazistisch sein, wozu auch das Motiv der Todessehnsucht beiträgt, nur dass es hier die Amis sind, die unbedingt ins Jenseits wechseln wollen –, schließt Eastwood eher an amerikanische Bildtraditionen an; an die Ästhetik eines Norman Rockwell etwa, namentlich in den Kindheits-Rückblenden, vor allem aber an die knarzige, fast bin ich versucht zu sagen: männliche Nüchternheit eines John Ford.
Nun gibt es kein Gesetz, das den Krieg feiernde Filme verbietet; sie wären sogar ein guter Anlaß, erneut über die Verbindung von Krieg und Kultur nachzudenken, die von seiten vor allem der westlichen Kultur gerne ausgeblendet wird (der Hauptgrund, warum man Soldaten keine Mörder schimpfen darf, ist vermutlich hier zu suchen; sehr zu dem Thema zu empfehlen: Heiner Mühlmanns kulturgenetische Studie The Nature of Cultures.) Auch die Massenmedien blenden diesen Konstitutionszusammenhang gerne aus, denn er erschwert ihnen das sorglose Moralisieren beim Bericht erstatten. Es gibt auch kein Gesetz, das es verbietet, im Film einen Sadisten zu feiern, der Spaß am Töten hat. Genau so erscheint Kyle in seiner Autobiographie. Eastwoods Film fehlt diese Ehrlichkeit, ihm ist daran gelegen, Kyle in eine Figur zu verwandeln, deren Motiv nicht die Lust am Töten, sondern die Vaterlandsliebe ist – und dafür bin ich ihm dankbar, denn ein solcher Film hätte es mir schwer gemacht. Er hätte sich von einer agreeable art in wirkliche, in ‘schöne’ Kunst verwandelt, um auf diese alte Unterscheidung Kants zurückzukommen; der Unterhaltungseffekt wäre zuungunsten des Reflexionsaspekts geschrumpft, es wäre eine große, von Brecht und nahezu allen Kunsttheoretikern kategorisch geforderte Distanz zum Protagonisten entstanden. Hätte Eastwood Kyle als gnadenlosen Kindertöter porträtiert, ihm wäre vielleicht ein Kunstwerk gelungen. Aber Eastwood ist kein die Schönheit im Kant’schen Sinne prozessierender Künstler, er ist ein Hollywoodregisseur, ein Geschichtenerzähler – und das ist auch gut so, mittelmäßige Künstler gibt es genug. Übrigens hätte auch der Fury-Regisseur – wie heißt er noch gleich? – einiges leisten können, hätte er sich etwa in Sachen Kampf-Choreographie mehr bei Zack Snyder abgeschaut. Aber zu dieser konsequenten Ästhetisierung fehlte ihm dann wohl jener Mut, den seine Helden gegenüber den doofen, wie Fliegen sterbenden Deutschen an den Tag legen. Immerhin läßt er viele, viele Köpfe platzen.

Es sind diese Köpfe, die mich zuerst dazu brachten, über die beiden Filme nachzudenken – denn auch in den ISIS-Produktionen, den einem anderen Genre entstammenden Filmen des Gegenlagers, spielen sie eine Hauptrolle. Als Kyle und seine amerikanischen Freunde ein feindliches Haus stürmen, liegen diese Köpfe denn auch in einem Regal herum; Eastwood reicht, relativ spät, die Begründung dafür nach, warum es sich bei den Feinden um ‘Wilde’ handelt, denen man mit zero tolerance begegnen muß, während die Amerikaner für die Zivilisation stehen. Ähnlich Fury, in dem die von den Deutschen in den Krieg geschickten Kinder bzw. die aufgeknüpften ‘Kriegsdienstverweigerer’ als Kampf-Legitimation fungieren, die den zweifelnden Kriegspraktikanten schließlich überzeugen. Es ist eine uralte Unterscheidung, die sich schon bei Aristoteles findet, wenn er seinem Schüler Alexander dem Großen die Lizenz zum gnadenlosen Niedermetzeln erteilt: es handle sich bei den Feinden nur um Pflanzen. So wie man einen Rasen mähen kann, kann und sollte man auch die Feinde mähen. Hier die Barbaren, dort die Zivilisation. Die Gegenseite arbeitet mit derselben Unterscheidung: hier der frivole, unmoralische, barbarische Westen, dort die strenge Ordnung des Islam. Im Westen wie im Osten nichts Neues also.

Wir sollten nicht vergessen, dass die Terroristen den Amerikanern in Sachen moderne Kriegsführung enorm viel verdanken bzw. viel von ihnen gelernt haben. Der deutsche Kolumnist Jakob Augstein hat auf die von der amerikanischen National Defense University “Shock and Awe” genannte Form der Kriegsführung hingewiesen, der auch die Bomben von Hiroshima und Nagaski zuzurechnen sind. (Übrigens: Sind die Amerikaner bis heutige die einzigen, die jemals von der Atombombe im Kriegsfall Gebrauch gemacht haben – das sollte man bei all der Aufregung um Nordkorea und den Iran bedenken.) Diese ‘Bilderbomben’ sollen keine „strategischen Ziele mit begrenztem Umfang treffen“, wie die Kriegsgelehrten schreiben, sondern „die Bevölkerung im Ganzen beeinflussen …, ihre Anführer, ihre Öffentlichkeit.“ Genau das gelingt auch den visuellen Bomben, die IS zündet, immer wieder.

American Sniper ist eine gute Bombe – zudem eine, die Eastwood über seinem Heimatland abwirft. Sie beeinflusst, aber sie schockiert nicht. Sie beruhigt. Sie hat therapeutische Wirkung. Dem Regisseur gelingt das Kunststück, dem Dilettantismus der Bush-Kriegsführung einen überaus professionellen Film gegenüberzustellen, diesen Dilettantismus ein Stück weit kompensierend. Hier ein lächerlicher Hauptdarsteller und eine stümperhafte Regierung, die trotz der zahllosen Think tanks und Berater ihre grundsätzliche Amateurhaftigkeit nicht kaschieren kann, man denke allein an die Vorlage der ‘Beweisfotos’ für die irakische Giftwaffenproduktion; dort ebenfalls ein gottesfürchtiger Texaner, dessen nicht vorhandene Eloquenz, ja Stumpfheit bei Eastwood allerdings aufs Schönste in wortkarge Aufrichtigkeit und Geradheit verwandelt wird, in jenen Bush, den man den Amerikanern gegönnt hätte; in dessen Rücken ein hocheffizienter, kluger Militärapparat arbeitet, hinter dessen Rücken wiederum ein wunderbarer Medizinapparat operiert, der sich der Veteranen annimmt, sich kümmert – denn darum geht es im Krieg wie im Frieden: „We’re taking care of each other.“ (So die Antwort des in die Zivilgesellschaft zurückgekehrten Kyle auf die Frage eines versehrten Veteranen, eines Krieg-Verlierers mithin, warum er, der große Held, ihnen soviel Zeit widme). Der ‘Halunkenkreuzzug der Amerikaner’, wie ihn Peter Sloterdijk nannte, erscheint als eine gerechte Sache, Korruption wird zu Moral. Eastwood kann es sich kaum leisten, ganz und gar auf eine Erörterung des ‘größten Fehlers der amerikanischen Außenpolitik’ (Madeleine Albright) zu verzichten, aber es gelingt ihm, dass man diese Zweifel – die in zwei, drei Sätzen eines Frontkameraden Kyles Form annehmen – genau wie die Hauptfigur kopfschüttelnd zur Kenntnis nimmt. Mich hat der Film jedenfalls überzeugt.

Jeder weiß, mag es auch ein unterbewußtes Wissen sein, dass Amerika den Krieg gegen den Terror auf der Bildebene in dem Moment verloren hatte, in dem er offiziell begann: als der gigantische Doppelphallus des World Trade Center einstürzte, die Verkörperung der westlichen Potenz; die gewaltige Symbolkraft dieser Bilder wurde offenbar auch von den Amerikanern lange unterschätzt. Man muss sich nur einmal in der Geschichte umsehen: vom Turmbau zu Babel bis hin zum Tarot-Kartensatz steht der einstürzende Turm für ein Gottesurteil. Als Antwort auf diese Bilder konnten die USA nur die hilflose, verzweifelte Bombardierung karger Berglandschaften anbieten – genauso gut hätte man den Ozean bombardieren können, es hätte den gleichen Effekt auf den Betrachter gehabt. Dilettantismus auf der symbolischen wie auf der realen Ebene also. Eastwoods Film korrigiert diese Dilettantismen. Der Regisseur ist klug genug, die imposanten, den Komponisten Karlheinz Stockhausen zur Metapher ‘das größte Kunstwerk aller Zeiten’ inspirierenden Bilder der in sich zusammenstürzenden Türme nur kurz zu zeigen, noch dazu stark verkleinert auf einem Fernsehbildschirm.
Wie habe ich den Film geschaut? Zunächst nicht als Kritiker. Eher wie ich früher, als Kind, einen Western geschaut habe – das Niedermetzeln der Indianer, der savages, war ein Teil des Spiels. Terroristen köpfen, Indianer skalpieren, beides gehört sich nicht. Ich weiß noch, ich wollte damals beim ‘Cowboy und Indianer-Spiel’ nie Indianer sein. Ich habe mich aber schon als Kind gefragt: Warum eigentlich nicht? Weil diese blöden Federn, das ganze weibliche Öko-Outfit mit der Coolness von Cowboyhut und Coltgürtel einfach nicht mithalten konnte. Und weil ich auf der Seite der Gewinner sein wollte, natürlich. Denn darum geht es ja beim Spielen: Sieg ist der Präferenzwert. Erst der grandiose Little Big Man, ein wahrer Antikriegsfilm, hat mich später auf die Seite der Indianer wechseln lassen. Es ist kaum ein Zufall, dass American Sniper diese Verbindungslinie – vom Cowboy zum Soldaten – zieht: vom einen Kreuzzug zum nächsten. Doch der Triumph des Völkermords wird den Amerikanern in diesem Falle kaum beschieden sein.
Ich habe die reale Welt – die echten sogenannten ‘Terroristen’, den Mittleren Osten – nicht mit den in diesem Film gezeigten Terroristen verwechselt. Die genau wie die Deutschen in Fury kein ernstzunehmender Gegner sind, jeder Schuß ein Treffer; mitunter mußte ich fast lachen, wie unrealistisch, ja fantastisch beide Filme hier agieren in ihrem Bemühen, dem Betrachter Erfolgserlebnisse zu bescheren, von denen man auch als Ego shooter beim Gamen träumt. In älteren Geschichten benötigte man für eine derartige Treffsicherheit noch den Teufel, der die Schützen mit sogenannten Freikugeln ausstattete. In Eastwoods Film scheint die Gabe des präzisen Tötens eher göttlicher Natur zu sein (die Bibel, in die er nie einen Blick wirft, ist Kyle allerdings nicht so sehr Text als vielmehr Talisman).

Man kann die beiden Filmen zugrundeliegende Ideologie thematisieren, genau wie die Gegenideologie – und die Darstellung der Gegenideologie in der Ideologie des Westens und umgekehrt. Aber letztlich sollte man deutlich trennen zwischen fiktiver und realer Realität, auch wenn die Rückkopplungen zwischen beiden Bereichen nicht vernachlässigt werden sollten.

Wie der Erfolg von American Sniper beim amerikanischen Publikum zeigt, wird er offenbar benötigt – er löst ein Problem. Ein Problem, für das Bush, Rumsfeld und Wolfowitz verantwortlich zeichnen: er verwandelt einen ungerechten, bösen, außerdem dilettantischen Krieg in einen edlen, professionellen. In jenen Krieg, den die Amerikaner einst gegen Deutschland führten, den letzten ‘guten’ Krieg der Amerikaner.

Nachbemerkung: Nicht die Amerikaner haben die bösen Deutschen besiegt, wie auch Fury uns glauben machen will. Es waren die Russen. Auch hier zeigt sich die erstaunliche Effizienz Hollywoods, die zu bewundern man kaum umhinkommt. Wenn man von einer ‘Propagandalüge’ sprechen möchte, hier könnte man den Terminus bemühen. Denn dass ausgerechnet die aufgrund der Konzentration deutscher Truppen im Osten stark ausgedünnte deutsche Westfront in Fury von deutschen Soldaten nur so wimmelt, ist aus historischer Sicht alles andere als akkurat, sondern völliger Unsinn. Worauf es ankommt, ist aber nur, ob dieser Unsinn auf der Ebene der Erzählung Sinn macht. In American Sniper ist das ohne Frage der Fall.