Die Mathematik der Laws of Form: Fauler Zauber?

Nehmen wir den Autor trotz der vielen Bezüge auf die asiatische Philosophie beim Wort und fragen danach, was es jenseits der Bildkraft und der Metaphern der Laws mit ihrer Mathematik auf sich hat. Dazu müssen wir den Rechner Spencer-Brown vom Poeten trennen – kein leichtes Unterfangen. Schon die vielen “Worte, Worte, Worte” (William Carlos Williams), die er im Buch anhäuft, erschweren das Unterfangen erheblich – und geben den ersten entscheidenden Hinweis. Denn Worte sind vage. Es sind diese Vagheiten, mit denen der Poet operiert. Spencer-Brown gibt im Vorwort zur deutschen Ausgabe selbst darüber Auskunft, indem er eine bestimmte Eigenschaft der englischen Sprache von der deutschen unterscheidet: «das, was ich das Irisieren englischer Worte nennen will – ihre Fähigkeit, jeden Augenblick die Farbe zu verändern, die unserer Prosa und Poesie solche Magie verleiht …» (1997: ix). Formeln, die irisieren, sind nicht der Präferenzwert der Mathematik. Was er als Kennzeichen des Deutschen ausmacht, gilt umso mehr für sie: für jedes Wort bzw. Zeichen muss eine exakte Farbe gewählt und fixiert werden. Zaubern verboten, Magie wird auf die Außenseite verbannt, die moderne Gesellschaft will es so.

Zunächst ist es hilfreich, sich die Entstehungsgeschichte der Laws vor Augen zu führen. Von wo kreuzt der Autor auf die Innenseite der Mathematik? Von der Seite des Ingenieurswesens, als Angestellter der Firma Mullard Equipment Limited. Darüber gibt er im Buch selbst Auskunft: «die Techniken, die hier niedergeschrieben sind, wurden zuerst nicht im Hinblick auf Fragen der Logik entwickelt, sondern als Antwort auf bestimmte ungelöste Probleme im Ingenieurswesen» (1997: xxiv). Wie man Schaltkreise und Aussagenlogik, Elektronik und Mathematik zueinander in Beziehung setzt, hatte mehrere Jahrzehnte zuvor bereits Claude Shannon mit seinem Kalkül demonstriert (1938). Das Spencer-Brown diese Arbeit gekannt hat, ist wahrscheinlich, viele Wendungen erinnern an Shannon; auch von dessen «ultimativer Maschine» dürfte er gehört haben, deren einziger Zweck darin besteht, sich selbst wieder auszuschalten, nachdem man sie eingeschaltet hatte (vgl. Clarke 1959: 159). Könnte die Pointe seines Kalküls zuletzt darin bestehen, sich zuletzt selbst ebenfalls wieder ‚auszustellen‘?

Zunächst ging es jedenfalls darum, den Strom fließen zu lassen. Die Aufgabe des frischgebackenen Ingenieurs besteht darin, die damals noch gebräuchlichen Relais-Schalter, denen Shannons Arbeit gegolten hatte, gegen die gerade erfundenen «Transfer resistors» (Transistoren) umzutauschen. «My job was to turn the relais circuits into transistor circuits. Now for this they used Boolean algebra, which is not at all suitable» (Spencer-Brown, zitiert nach Heidingsfelder 2019). Oder wie er in dem Vorläufer der Laws, dem für Mullard verfassten technischen Gutachten Design with the NOR (1961) schreibt: «the forms of algebra suitable for relays have proved unsuitable for NOR» units (S. I, 1). «So I invented an algebra in which every operator was one transistor. Which is the algebra of Laws of Form.» (Spencer-Brown, zitiert nach Heidingsfelder 2013) Wenn die Boolesche Algebra hinreicht, bedarf es schließlich keines neuen Kalküls.

Was hat es mit dieser Algebra auf sich, die sich laut Spencer- Brown als für Schalttransistoren ungeeignet erweist? Sie lässt sich verkürzt beschreiben als eine Untersuchung und Zusammenfassung von Rechenregeln (Boole 1958). Die grundlegende Differenz, mit der Boole operiert, ist die von Symbol/Regel: er unterscheidet eine Menge von Symbolen, im einfachsten Fall 0 und 1, von den Regeln bzw. grundlegenden logischen Operatoren NICHT, UND, ODER, mit denen man 0 und 1 verknüpfen kann. Oder noch einfacher, er unterscheidet Operationen und Rechenregeln für diese Operationen.

Booles Algebra ist speziell, denn der Prototyp enthält nur zwei Elemente, 0 und 1, wurde aber später verallgemeinert; seitdem kann sie unendlich viele Elemente enthalten – neben Zahlen auch Mengen und ihre Teilmengen etc. Mit Hilfe dieser Algebra lässt sich zeigen: Es gibt verschiedene mathema- tische Strukturen, die den gleichen Regeln gehorchen – neben Aussagenlogik und Mengenlehre und sogenannten Booleschen Funktionen, also Funktionen von 0 und 1, eben auch Schaltkreise.

An dieser Stelle kommt Henry Maurice Sheffer ins Spiel, der zeigt, dass man statt der üblichen drei Operationen die gesamte Boolesche Algebra mit nur einem Operator beschreiben bzw. aus ihm aufbauen kann, dass man also mit nur einem Symbol auskommt, «a universal logical constant» (1961: II, 1), wie der mathematische Autodidakt Spencer-Brown formuliert. Sheffers bahnbrechende Idee ist es, die zwei Operatoren NICHT und ODER zu einem einzigen Operator zu verknüpfen (jenem NOR, der Spencer-Browns Bericht seinen Titel gab). Er wird mit Hilfe des sogenannten Sheffer-Strichs bezeichnet: A|B (mitunter auch als A↑B notiert). Mit diesem Symbol kann Sheffer alles darstellen. Angeblich war er nicht der erste, der diesen Gedanken hatte – Spencer-Brown selbst weist darauf hin: «The first account of this fact was given by C.S.Peirce in a paper which remained unpublished till 1933» (1961: II, 1). Man könnte sagen, Sheffer bietet eine Alternative an, und zwar in Form einer Verdichtung oder Reduktion. Das scheint Spencer-Brown beeindruckt zu haben, der wiederum eine Alternative zu Sheffers Alternative präsentiert, die diese überbieten soll. Er ersetzt Sheffers Strich durch ein neues Symbol, zunächst «cross notation» genannt (1961: II, 2), bei dem offenbar das Nicht-Zeichen Pate gestanden hat, und verlängert den vertikalen Strich nach unten, so dass beide Striche die gleiche Länge aufweisen:

spencer brown call

Fertig ist das neue Zeichen, der Spencer-Brown- Operator, den er nun nur noch «die Markierung» nennt.

Dieser Operator, der zunächst nur im Bereich der elektronischen Schaltungen zum Einsatz kommt und Spencer-Brown das Zeichnen und praktische Rechnen erleichtert, soll sich in den Laws einer weitaus größeren Aufgabe stellen: einer Synthese, die «die Erforschung der inneren Struktur unserer Kenntnis des Universums» (Mathematik) und «die Erforschung der äußeren Struktur» (Physik) vereint (1997: xxxi), also eine Art mathematische Erkenntnistheorie verwirklicht. Schon der Titel des Werks kann als Hommage gedeutet werden, hatte Boole sein Buch doch The Laws of Thought genannt.

Als Operator taugt Spencer-Browns asymmetrische Unterscheidung im Gegensatz zu der von Sheffer allerdings nicht viel. Was er in den «Laws» vorführt, ist letztlich trivial: Es ist nicht viel mehr als ein Multiplizieren von 1 und –1 (1 x 1, 1 x –1, –1 x–1 = 1). Die einfachste Boolesche Algebra – kompliziert notiert. Im Prinzip beschreibt er mathematisch, wie er hin- und hergeht («kreuzt»). Wir können die Innenseite der Form zum Beispiel als Inland und die Außenseite als Ausland begreifen. Wenn man 2 x hin- und herfliegt, findet man sich im Inland wieder. Wenn man 3 x hin- und herfliegt, ist man im Ausland. Gerade Zahl: Inland, ungerade Zahl: Ausland. Das lässt sich unterschiedlich darstellen, vertikal (bezeichnet den Grenzübertritt), horizontal (ich bin im Inland geblieben). Das Problem ist, dass Spencer-Brown sozusagen nur zwei Flughäfen kennt, während Sheffers abstrakte Algebra beliebig viele Flughäfen (Elemente, auch logische Aussagen) enthalten kann.

So lange er endlich viele Haken zeichnet, geht die Rechnung auf, mag sie auch wenig ertragreich sein. Problematisch wird es, wenn er – wie im Abschnitt «Gleichungen zweiten Grades» (1997: 47ff.) vorgesehen – dazu übergeht, unendlich viele zu zeichnen. Um beim Flughafen-Beispiel zu bleiben: Was passiert, wenn ich unendlich hin- und herfliege – wo befinde ich mich? Aus der Sicht Spencer-Browns steht am Ende des unendlichen Kreuzens der Re-entry, der Wiedereintritt der Unterscheidung in sich selbst, der als Darstellung von Autonomie oder Autopoiesis gelesen werden kann (vgl. Kauffman 2005: 182). Doch diese vermeintliche Selbstreferenz des Kalküls resultiert nicht aus ihm selbst. Zumindest hat Spencer-Brown diese Gewinnung des Kalküls aus dem Kalkül nicht ordentlich ausgeführt. Die «formale Bewältigung der Selbstreferenz in der Logik» (wie Hans Rudi Fischer im Vorwort von Wahrscheinlichkeit und Wissenschaft behauptet, vgl. 1996: 7) lässt sich mit ihm nicht leisten.

Vom Anbeginn der Welt ganz zu schweigen. In der Genesis startet Gott bekanntlich mit der Unterscheidung «Licht» Hätte er den Spencer-Brownschen Operator zur Verfügung, könnte Gott das Licht bis in alle Ewigkeit an- und ausknipsen, aber keineswegs zur Erschaffung von Himmel und Erde fortschreiten, denn die sind nicht in der ersten Unterscheidung Licht/Dunkelheit enthalten. Wenn das Licht unendlich an- und ausgeknipst wird, ist es dann am Ende hell? Versinkt die Welt in ewiger Dunkelheit? Dass sich beide in der Unendlichkeit «schneiden» lässt sich mit dem Operator ebenfalls nicht bewerkstelligen. Er taugt lediglich zu einem kosmischen Stroboskop.

Erst wenn man den Buddhismus hinzunimmt, geht die Rechnung auf – dann lassen sich die Laws als jener Schlüssel verwenden, mit dem der Autor Mathematik identifizierte (1997: xxxv) und als Rezept im Sinne Castanedas verwenden, mit dem der All-Blick möglich wird, «the ‘viewing all qualities in one thought’ which cuts off the hopelessly entangling logical mesh by merging all differences … into the absolute oneness of the knower and the known» (Suzuki 1959: 125f.). Oder in der Sprache Spencer-Browns: die Identität von Markierung und Beobachter (1997: 66). Den Vorteil hat Fritz B. Simon kalkuliert: Wer nicht mehr zweiwertig bzw. logisch denkt, kann auch nicht mehr verrückt werden (1991: 158).

Vollständiger Text: https://www.fachmedien.de/organisationsentwicklung-ausgabe-4-2019

Earlier this year, Steffen Roth and I guest-edited a special issue of CHK on ‘Media Effects’. We invited artist Florian Meisenberg to design it. Florian came up with some great ideas – images from his sketch book, ‘found situations’, animation stills etc. I believe his images would have made quite a difference, but it wasn’t meant to be: the CHK team decided for a more conventional solution. ‘Fair enough’ – but why not add his beautiful cover proposal and the illustrations affiliated with the texts to the already existing issue? So here they are.

  1. Foreword (Markus Heidingsfelder)

2. The Mediality of Looseness (Urs Stäheli)

3. Listening to Media in Cultural Theory, Sociology, and Management (Dirk Baecker)

4. Digitality as a Medium of Communication (Achim Broszwieski)

5. Mousing, Swiping, Thinking (Peter Fuchs)

6. New Media and Socio-Cultural Formations (Jan Fuhse)

Call for participation in a paper development workshop on “NOR. Reverse engineering the Laws of Form” (3-4 June 2019 in Dubrovnik)

Co-organizers:

  • Steffen Roth, La Rochelle Business School, France, and Yerevan State University, Armenia*
  • Markus Heidingsfelder, Xiamen University Malaysia
  • Lars Clausen, University College Lillebælt, Denmark, and University of Flensburg, Germany*
  • Klaus Brønd Laursen, Aarhus University, Denmark

*Corresponding co-organizers

Purpose: Participants in the workshop will brainstorm and discuss ideas as well as co-develop papers on an unpublished manuscript by George Spencer Brown.

Date and venue: 3-4 June 2019, Inter-University Center Dubrovnik, Don Frana Bulića 4, HR-20000 Dubrovnik, Croatia.

Registration deadline: 3 March 2019. Applications are via email to the corresponding co-organizers* and ought to include a brief CV and statement of interest in the PDW. We particularly look forward to hearing from colleagues with backgrounds in engineering, information science, mathematics, logics, and philosophy. Friends and colleagues with backgrounds in social sciences or humanities are more than welcome to join us in this venture, too. 

It is anticipated that ideas developed in the workshop will transform into submissions to a special issue published in a S/SCI-listed journal. Participants are furthermore kindly invited to consider combined participations in precedent and subsequent events @Inter-University Center Dubrovnik such as the conference on Political communication: Observed with Niklas Luhmann’s systems theory (29-31 May 2019) and the 18th International Social Theory Consortium Conference (5-7 June 2019).

Image: Markus Heidingsfelder, Screen shot (2013)

political-communication

Place: International University Centre (IUC), Dubrovnik, Croatia

Address: Don Frana Bulicá 4 HR – 20000 Dubrovnik, Croatia

Dates: May 29th –31th, 2019

Theme: The conference committee invites contributions, which analyse and discuss political communication based on Niklas Luhmann’s perspective on systems theory. The overall theme of the conference is to promote a better understanding of how political communication codes various areas of contemporary society.

We welcome contributions from scholars who practice and study political communication at all levels of society. The conference is relevant for theoretical and empirical studies in politics, aesthetics, sociology, theology, history, economics, health, psychology, ecology and organization. Contributions are not limited to studies focusing solely on political systems, but may also include politically coded communication in other areas of society. Analytically, systems theory is empirically open. As it turns out, new semantics, different codes, and changing forms transform and develop structures at varying and opposed levels. As such, contributions could, for example, focus on how the media of power is formed; how the code government/opposition informs communication; how double contingency is handled within politically coded communication; which paradoxes emerge in conjunction with political coding and how they unfold. The conference aims to gather scholars working with theoretical and methodological clarifications, as well as empirical studies. Furthermore, contributions are welcome that compare or combine system analysis with other forms of analysis or aim at developing systems theory by including thoughts from other traditions (e.g. Foucault, Bourdieu, Deleuze, analysis of discourse, ANT, STS).

Abstracts of no more than 400 – 800 words should be send to the conference organisers by March 1, 2019 – full papers should be circulated prior to the conference.

Course directors:

Klaus Laursen, Aarhus University, Denmark klausb.laursen@mgmt.au.dk

Steffen Roth, La Rochelle Business School/Yerevan State University, France strot@me.com

Markus Heidingsfelder, Xiamen University Malaysia, markus.heidingsfelder@xmu.edu.my

Gorm Harste, Aarhus University, Denmark

Gina Atzeni, Ludwig Maximilians University of Munich, Germany

trump images

Z: Congratulations to your latest publication on Trump in the Journal of European Studies.

M: Thank you.

Z:  Tell us about your paper! What was your motivation to do research on Donald Trump?

M: Well, you can’t escape him, can you? So far, the mass media are controlling the Trump discourse, and they do it by using moralistic distinctions, by demonizing him, and by placing themselves on the other side as the ‘good guys’, using this whole idea of the press as the fourth estate. I think it’s amazing that the Washington Post changed its slogan to ‘Democracy dies in darkness’ – this is clearly a Trump effect. But what they are actually saying is of course: We won’t let that happen, we’re here to shine a light, to ‘enlighten’ the world.

Z: But wait – so you agree to his thesis that they are organizing a ‘witch hunt’ against him?

M: (laughs) No, of course not. It’s not that simple. But he kind of has a point here. It’s a hunt for information and from the perspective of communication theory, information is anything that surprises you. Anything new. And he gives them that – another breaking of norms, another attack on a political opponent or on the press, another funny or mysterious tweet, more embarrassing behaviour – they’re complicit in this – also in making Trump bigger than he actually is. Especially as one of their main selection mechanisms is conflict, and as you know, Trump is a master of conflict ceremony. It is his favourite communication strategy, for a number of reasons. But I think the biggest problem is the mass media’s interest in persons, in heroes and in villains. They overestimate the importance of individual actions. So that’s the deficit I tried to compensate – to point at the structures that are at the heart of all those conflicts. And by doing that, live up to my social responsibility as a scientist.

Z: Which is?

M: I would say to ‘tell the truth’. Sounds pathetic, doesn’t it?

Z: Indeed!

M: Well, you have to take it with a grain of salt – it is not ‘the’ truth of course. But that’s our social monopoly, we have the license to distinguish between fake and real, between what is true and what isn’t. Which is why I find it amazing that the mass media are trying to claim this as their main function these days. And why do they do that? Because Trump says they’re spreading fake news. So again, they are just reacting to him, they’re playing his game. He calls them the enemy of the people, and what do they do? They create this strange kind of ‘functional movement’, led by the Boston Globe, appealing to the people: ‘Please listen to us, we are not your enemy!’

Z: I heard you already have a contract for a book on Trump. Is that fake news? And if it’s not, how does that relate to your article, will it be a part of it?

M: No, that’s actually true. The book looks systematically at Trump, relating the phenomenon to the different areas of society, like politics, economy, the law, the mass media, etc. Whereas the article compares Trump to the AfD (Alternative for Germany) –

Z: Which is this new German party.

M: Right. Dr. Tasneem, who is one of the editors of the Journal of European Studies asked me to contribute something to their latest issue of radicalization, so I kind of extended my Trump research and looked at this German equivalent. I consider both as a part of a bigger trend I call the crisis of politics.

Z: In one sentence, how do you define that crisis?

M: In one sentence: Politics has lost its claim to make generally valid decisions for the whole of society. Can I have two more please?

Z: Just two!

M: Well, normally the AfD or Trump or the right-wing movement in general are seen as problems. What I do is, I’m inverting this perspective. They are there for some reason, right? So I see them as solutions. They solve something. And my job is to construct this something, this problem.

Z: And this problem is the crisis of politics?

M: Yes, the mistrust on politics, the mistrust in the ‘political class’ if you like, in the political elite. From that perspective, the people didn’t vote so much for Trump or the AfD – they voted against politics, against that class.

Z: And what can we do about the rise of populism and right wing-ideology?

M: Well, I can only answer that as a researcher: we need to carefully observe these things – and offer our observations to society. I disagree with Marx, in that it’s not enough to simply describe things, that it is our job to change them. And even the Marxists don’t agree with me here, at least someone like Manuel Castells does.

Z: What is Castells saying?

M: Basically that trying to frame political practice with social theory is a dead end. That our task is to free people from uncritical adherence to ideology, that we should not tell them what to do, but offer them different interpretations of what is going on. That’s what I try to do with my Trump research – offer a different interpretation of the phenomenon.

Z: Thank you very much for this interview. And please keep us posted about your Trump research.

M: I will.

Z: One last question – do you think he will be impeached?

M: Absolutely no idea. So far it doesn’t look like it. But I’m not a prophet. The future is uncertain, that is its exact definition.

Link: https://habib.edu.pk/HU-news/donald-trump-and-alternative-fur-deutshland-afd-the-crisis-of-politics-dr-markus-heidingsfelders-paper-published-by-the-journal-of-european-studies/

Images: SPIEGEL-Cover by Edel Rodriguez

Trump wird gern als taktlos beschrieben, was in den Massenmedien als Defizit angesehen wird. Doch was genau ist das, über das er offenbar nicht verfügt? Genauer gefragt: Wie läßt sich ‘Takt’ operationalisieren?

Jedes Routinehandeln kann als taktlos angesehen werden. Es ist geradezu ein Musterfall taktlosen Verhaltens. Denn Takt besteht darin, sein Gegenüber “nach Maßgabe seiner eigenen Selbstdarstellung zu behandeln” (Luhmann 1999: 233). Aus dieser Perspektive wird deutlich, dass nicht nur Trump taktlos handelt, sondern auch die Massenmedien, die ihm Taktlosigkeit vorwerfen. Sie behandeln ihn nicht gemäß seiner Selbstdarstellung als ‘stable mental genius’ (wobei dieser Satz wiederum eine Reaktion auf das Buch von Michael Wolff darstellt, eine enorme Taktlosigkeit), sondern als ‘Idioten’. Zwar wahren selbst die von Trump zu Gegnern stilisierten, traditionellen Zeitungshäuser wie die New York Times oder die Washington Post mehr oder weniger die Form und lassen Taktlosigkeiten nur in den dafür vorgesehenen Meinungsrubriken zu. 

Doch genau diese Rubriken erlauben es, die Taktlosigkeit als eigene Form zu kultivieren. Sie tritt allerdings nicht als solche auf, sondern tarnt sich als rationale, gar objektive Stellungnahme. Taktlosigkeit ist also nicht nur eine Frage des Stils. Man kann auch stilvoll taktlos sein – sofern man nicht gewillt ist, dem anderen seine Selbstdarstellung abzukaufen. Dabei geht es gar nicht darum, ob diese gelingt oder nicht, ob sie glaubhaft ist oder Bruchstellen aufweist oder sich – wie im Falle von Trump – gleich selbst dementiert. Es geht allein darum, sein Gegenüber im Hinblick auf die eigene Darstellung zu schonen: “Takt verlangt, dass man den anderen so behandelt, wie er erscheinen möchte, und ihm hilft, einen guten Eindruck zu machen.” (Luhmann 1999: 359)

Aber warum sollte man das tun? Ganz einfach: weil man an einer Fortführung des Kon-Takts interessiert ist. Taktvolles Verhalten tritt deshalb vor allem in Interaktionssituationen auf. Das erklärt, warum die Massenmedien – es sei denn sie übertragen ein Gespräch, also eine Interaktion – weitgehend auf Takt verzichten können. Ist ein Sender an einer Fortführung des Kontaktes interessiert – im Falle von Fox: an einem guten Verhältnis zu Trump – kommt wiederum Takt zum Zuge.

Trumps via Twitter verbreitete Taktlosigkeiten gegenüber Jeff Sessions signalisierten also nicht zuletzt ein Desinteresse an der Fortführung des Kontakts, was von den meisten Beobachtern genau so interpretiert und durch dessen Entlassung schließlich auch verifiziert wurde. Sessions’ Antwort forderte von Trump, ihn gemäß seiner Selbstdarstellung als treuen Staatsdiener zu achten (was insofern problematisch war, weil er damit implizit darauf hinwies, dass er kein ‘Trump guy’ ist; wohl wissend, dass Trump genau das von ihm erwartete). Zu taktvollem Verhalten gehört aber auch, dass man sich mit der eigenen Selbstdarstellung zurückhält. Hier tut sich Trump als besonders taktlos hervor. 

Allerdings ist Takt alles andere als eine leichte Übung: er muß rasch, intuitiv erfolgen und erfordert darüber hinaus ein Feingefühl, dass Trump offenbar nicht besitzt. Zu seinen Gunsten sei jedoch gesagt, dass vor allem der Aufrichtige Schwierigkeiten in Taktfragen hat. (Vgl. Luhmann 1999: 359) Ist Trump also schlicht zu aufrichtig? Da er in einem fort die Unwahrheit sagt, zumindest wenn man den ‘fact checkern’ der Massenmedien Glauben schenkt, scheint letzteres nicht zuzutreffen. (Die Washington Post hat sich aufgrund der Vielzahl der Trump’schen Lügen gar bemüßigt gesehen, eine neue Kategorie einzuführen: den “bottomless Pinocchio”.) Es scheint eher um die Aufrechterhaltung des Images eines aufrichtigen bzw. authentischen Präsidenten zu gehen – eines nicht-politischen Präsidenten, der sich im Gegensatz zum professionellen Politiker nicht in der Kunst der Verstellung übt, sondern ‘unverblümt’ sagt, was ihm in den Sinn kommt: “He’s no paragon of deceit, which requires more plotting, patience and discipline than he could ever muster. He’s a geyser of revelations, and in terms of the transparency with which he shows us the most eccentric and ugliest parts of himself, he’s the most honest president in my lifetime.” (Bruni 2018) Das Paradox besteht darin, dass er ausgerechnet mittels seiner Ausfälle (‘lashing-out’) Tugendhaftigkeit für sich beansprucht. Und tatsächlich macht sein Vorbild – seine gleichsam vorbildliche, tüchtige, erfrischende Taktlosigkeit – in den USA zur Zeit Schule. 

Doch der eigentliche Grund für Trumps Problem mit dieser “Doppelgleisigkeit” (Luhmann) ist seine ‘Eingleisigkeit’, seine – gleichsam fanatische – Überzeugung, dass es für alle Fälle richtige Situationsauslegungen gibt. “That is probably the worst thing about him – his certainty. That all he knows is all anybody ever need to know.” (Bill Maher) Die Welt des Taktes muss ihm aus dieser Perspektive notwendig wie eine unwirkliche Scheinwelt vorkommen. (Vgl. Luhmann 1999: 359). Diese Vorstellung hängt eng mit seiner Ablehnung der üblichen politischen Umgangsformen inklusive der politischen Rhetorik und der politischen Notwendigkeit der Verstellung zusammen, die professionelle Politiker im Laufe der Zeit lernen. Aus Sicht der Massenmedien ist er schlicht nicht in der Lage, sich zu verstellen, es übersteigt seine kognitiven Kapazitäten: “It’s not merely that this emperor has no clothes. This emperor has no camouflage, at least none that’s consistent and effective.” (Bruni 2018) Trump ignoriert die Funktion des Taktes, weil es ihm nicht um die Vermittlung von Selbstdarstellung und das Interesse des Sozialsystems an der Fortsetzung des Kontakts geht – sondern gleichsam um Selbstdarstellung um jeden Preis.

Auch wenn die Vertreter der Massenmedien in Interaktionssituationen wie den Pressekonferenzen im Weißen Haus den Repräsentanten weitgehend ihre Würde lassen (nicht zuletzt, um künftig ob mangelnden Taktes nicht von ihnen ausgeschlossen zu werden, wie es Jim Acosta widerfuhr) – sobald inkonsistente Fakten sichtbar werden, sind sie nicht mehr an “as if arrangements” (Burns 1953) oder “polite fictions” (auch) interessiert, sondern im Gegenteil daran, Widersprüche des Verhaltens aufzudecken, also Trumps Taktlosigkeiten mit Taktlosigkeiten zu begegnen. Auch hier können sie dem Präsidenten, der sie tagtäglich damit beliefert, dankbar sein. 

Takt läßt sich nicht formalisieren, wird also mit Hilfe informaler Normen institutionalisiert, mit Hilfe von Kollegialität und Freundlichkeit. “Wer taktlos und unfreundlich handelt, fällt auf.” (Luhmann) (1999: 362) Da genau das in der Absicht Trumps liegt, kommt es ihm entgegen. Die ‘gute Erziehung’, die eine Sally Yates genossen hat, verbietet es ihr, auf Trumps Attacken einzugehen: “I am not going to dignify that with an answer.” (Yates 2016) Obwohl einer höheren Gesellschaftsschicht entstammend, legt Trump keinen Wert darauf, diesen Status in seinem Verhalten zum Ausdruck zu bringen – womöglich auch um der Darstellung von ‘Volksnähe’ willen. Doch seine Impulsivität, seine mangelnde Wartefähigkeit und Unkontrolliertheit des Ausdrucks scheinen nicht Ausdruck einer wie immer gearteten Taktik zu sein. In der Regel wirken diese verwandten Einstellungen taktstabilisierend, im Falle von Trump stabilisiert ihr Fehlen die Taktlosigkeit. Auch seine via Twitter beglaubigte Unfähigkeit, sich an weiten Zeithorizonten zu orientieren, gehört hierher.

Gerade im Rahmen kollegial-kooperativer oder organisatorischer Arbeitszusammenhänge wird die Individualität der beteiligten Personen ‘herabgedimmt’. Sie ist hier eher hinderlich, denn sie wird schlicht nicht benötigt und deshalb auch kaum honoriert. Der Finanzbeamte, der uns gegenüber seine Individualität herausstellt, wird uns eher skeptisch machen; genau wie der Kollege, der ständig seine Vorliebe für das Werk von Frank Zappa kundtut, anstatt sich auf die Sachaufgabe zu konzentrieren. Takt gebietet uns dann, darüber hinwegzusehen. In der Regel stellt sich unser Gegenüber aber auf diese Grenzen der individuellen Selbstdarstellung ein. Im Falle Trumps können damit weder Parteigenossen, andere Staatsmänner- und frauen noch seine eigene Untergebenen rechnen.

Illustration: Hammad Siddiqui, Trump Structure (2018)

Gilles Deleuze hatte mit seiner Metapher des Rhizoms nicht zuletzt eine Alternative zu den alten, in Schulen organisierten gesellschaftlichen Strukturen aufgezeigt, in deren Mittelpunkt das Subjekt des Autors stand, von dem – als einer Art ‚Zentralsonne’ – alles seinen Ausgang nahm, und zu dem alle Wege hinführten – „jede hat ihren Papst, ihre Manifeste, ihre Repräsentanten … ihre Tribunale und Exkommunikationen“. Seine Vorstellung eines ‚Dramas sich überkreuzender Linien‘, der kollektiven Äußerungsverkettung, die an deren Stelle treten sollte, hatten sich die enthusiastischen Netzdenker für ihre Zwecke zu eigen gemacht, die im Internet jene Infrastruktur erblickten, die diese schöpferischen Funktionen gleichsam würde freisetzen können – denn was anderes als eine gigantische, weltumspannende Struktur von ‚Treff-Punkten‘ stellt es dar? In diesem Sinne sollte es zu einem Instrument der Befreiung werden.

Für Deleuze war nicht so sehr die ‚Sterilisierung‘ der Adepten und Schüler das Problem, sondern die Engstirnigkeit, die das, was anderswo geschah – außerhalb der Schulen – zu ‚ersticken‘ suchte. Doch was die Adepten von Deleuze übersahen, ihn gleichsam selbst sterilisierend, war sein Hinweis auf das Marketing, das seiner Ansicht nach als „düstere Organisation“ an die Stelle der Schulen trat und zuletzt eine Rekonstituierung der Autorfunktion ermöglichte. Seine Forderung: die „von jener immer wieder neu sich formierenden Autorfunktion befreiten produktiven, schöpferischen Funktionen wieder zu erfinden und zu entwickeln“.

Aus dieser Perspektive erscheint die Forderung Geert Lovinks, der das Internet reparieren möchte, weil es ‚kaputt’ sei – sprich: den ihm zugemuteten Idealen der Befreiung und Gleichberechtigung nicht nachkommt – als ein solcher Versuch der Planierung. Lovink gehört – genau wie Nicholas Carr – zu einer Schule der Kritik, deren Repräsentant er ist. Würde er versuchen, seinen eigenen Forderungen gerecht zu werden, müßte er auf seine Tätigkeit als Buchautor verzichten und Teil einer jener Produktionsgruppen werden, die Verbindungen zwischen schöpferischen Funktionen durchsetzt und lebendige Interaktion herstellt, „gebrochene Linien zieht“, anstatt einen Ausgangspunkt zu konstituieren (das  Postulat des ‚guten‘ Netzes als Instrument zur Konstruktion einer positiv konnotierten Weltgesellschaft), von dem alle seine Aussagen abhängen. Gegen dieses Netzideal schneidet die Netzwirklichkeit natürlich nicht besonders gut ab. Und genau darum geht es, denn erst das Ideal, nicht die Wirklichkeit, ermöglicht seine Kritik. Es bildet den blinden Fleck eines Denkens, das Kommunikation mit Technologie identifiziert (‘verwechselt’), und die von ihm beobachteten Defekte des Internet – und damit der Gesellschaft – für behebbar hält. Der Gedanke, dass die Kritik ‚kaputt’ sein könnte, kommt ihm nicht.

Lovink sieht, was wir angeblich nicht sehen: dass die IT-Unternehmen uns mit dem Begriff der ‚Plattform’ ein X für ein U vormachen, mit diesem neutralen Begriff ihre Profitinteressen tarnen, und zudem die „Kollision von Privatsphäre und Überwachungsaktivitäten, Gemeinschafts- und Werbeinvestitionen“ ermöglichen. Er ist, wie es die Rolle des Kritikers vorsieht, ein kompetenter Beobachter. Genau wie Carr und Lanier versucht er sich als Ratgeber, schließlich weiß er es besser, formuliert also Handlungsansätze für den einzelnen User und fordert von der Wissenschaft – ganz so, als ließe diese sich addressieren – das Beobachten aufzugeben und zur Tat zu schreiten, die da lautet: helfen, den Computer als „Instrument der menschlichen Befreiung“ wiederzuentdecken. Mit einem Wort, sein Buch kreiert eine contradictio in adiecto: gutmeinende Forschung.

Illustration: Florian Meisenberg 2017, Screenshot from OF DEFECTIVE GODS & LUCID DREAMS (THE MUSEUM IS CLOSED FOR RENOVATION), Courtesy Henie Onstad Kunstsenter Oslo, ICA, Philadelphia and Florian Meisenberg

This weekend in Berlin, at HAU theater, Christian von Borries and Dieter Lesage are pulling together an evening about politics of the image of rescue. They found a wonderful mix of contributers whom they asked questions, and who are answering in a very diverse manner, reflecting on the format of reflexion itself: Herman Asselberghs, Arno Brandlhuber, Alice Creischer, Georges Didi-Huberman, Tobias Hülswitt, Dieter Lesage, Marie-José Mondzain, Georg Seeßlen, Andreas Siekmann, Oraib Toukan, Ina Wudtke, Tirdad Zolghadr and many more.

The two evenings, Saturday at 7 pm and Sunday at 5 at HAU1, will be similar.

Secondly, a new edition of A BETTER VERSION OF YOU will open in Beijing on March 24 for 9 days, with more stops to come soon to a place near you.

Hope to see you here there!