How has the pandemic affected ‘Internet lawmaking’?

There is undoubtedly a significant corona effect for virtual law, for the legal relations of digitality – and this becomes particularly manifest in the digital semi-public, semi-private spaces. Even before Corona, a rapidly growing percentage of communication took place online. Platforms that are formally private communication spaces have gained systemic importance for public discourse. They have become central communication platforms of a free and democratic society. The Internet has had a strong influence on our communicative practice. As the European Court of Human Rights already stated in 2015, the Internet is “one of the most important means by which individuals exercise their right to freedom to receive and impart information and ideas, as it provides […] essential tools for participating in activities and discussions on political issues and questions of general interest” (Cengiz vs. Turkey, 2015).

Can you name some of those effects?

Community building is increasingly taking place online today and Corona has accelerated this. Online communication spaces as communicative settings, in which discourse is relevant for democratic decision-making, but in which relationships are also created and cultivated – the private is political! – have enriched and partly replaced public spaces. This is a challenge for those states that still have the primary responsibility to protect human rights and fundamental freedoms, both online and offline. New forms of mechanised power have emerged. Private actors have also gained power. Their domiciliary rights, their general terms and conditions are the primary yardstick for a large part of online communication. When platforms delete, they delete largely because of their domiciliary rights. Studies suggest that about 95% of all deletions are not carried out for reasons of “(state) law”, but because of private householder’s rights. There are, however, boundaries that were drawn before Corona, but which are particularly important in and after Corona. If by deleting their accounts or comments, users are deprived of “an essential opportunity to disseminate their political messages and to actively participate in the discourse with users of the social network” and their visibility is “considerably impaired”, especially in the context of elections, then platforms must take these users back online (according to the _Bundesverfassungsgericht’, the German Federal Constitutional Court, in its decision in the “III. way” case). Platforms must also treat users equally and may not arbitrarily delete them. The basic rights are partly applicable horizontally between platforms and users. Platforms therefore play an important role in the management and control of information during the pandemic. Chinese platforms cooperated significantly with government messaging (and message control), but US platforms such as Twitter and Facebook, which in the past had taken a “hands-off” approach to certain types of disinformation, also made a U-turn. Facebook, for example, deleted invitations to anti-blockade demonstrations, while Twitter (like other social media platforms) relied heavily on automated filtering.

As after Corona, there is no lack of applicable rules: from international law and regional integration law to state law, from community standards to general terms and conditions. But many users* and some countries disregard the standards that are a prerequisite for meaningful communication. In addition to large-scale information operations using deliberate misinformation and artificial accounts (social bots), hate speech – from discrimination to Holocaust denial – also has a corrosive effect on lawful and ethically stable communication behaviour in online spaces.

Internet law expert PD Dr. Matthias C. Kettemann, LL.M. (Harvard) is head of the research programme “Regulatory Structures and the Emergence of Rules in Online Spaces” at the Leibniz Institute for Media Research | Hans-Bredow-Institut.

Zuwachs der Beziehungsportale und erotischen Tauschbörsen im Internet; zunehmende Integrationskraft digitaler Vergemeinschaftungen; vermehrte Entstehung virtueller, im physischen Nahraum unsichtbarer Kollektive – Corona würde all das amplifizieren, so die These. Frage: Siehst du das auch so?

Ja, es gibt zweifellos einen bedeutenden Corona-Effekt für das virtuelle Recht, für die Rechtsbeziehungen der Digitalität – und das wird besonders manifest in den digitalen halböffentlichen, halbprivaten Räumen. Schon vor Corona fand ein schnell wachsender Prozentsatz der Kommunikation online statt. Plattformen, die formal gesehen private Kommunikationsräume sind, haben systemische Bedeutung für den öffentlichen Diskurs erlangt. Sie sind zentrale Kommunikationsplattformen einer freien und demokratischen Gesellschaft geworden. Das Internet hat unsere kommunikative Praxis stark beeinflusst. Wie der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte schon 2015 feststellte, ist das Internet “eines der wichtigsten Mittel, mit denen der Einzelne sein Recht auf Freiheit zum Empfang und zur Vermittlung von Informationen und Ideen ausübt, da es […] wesentliche Instrumente für die Teilnahme an Aktivitäten und Diskussionen über politische Fragen und Fragen von allgemeinem Interesse bietet” (Cengiz vs. Türkei, 2015).

Welche Auswirkungen lassen sich beobachten?

Einige hattest du ja schon genannt. Gemeinschaftsbildungen finden heute zunehmend online statt, und Corona hat das beschleunigt. Online-Kommunikationsräume als kommunikative Settings, in denen der Diskurs für die demokratische Entscheidungsfindung relevant ist, aber auch Beziehungen geflochten und gepflegt werden – das Private ist politisch! – haben öffentliche Räume bereichert und teilweise ersetzt. Das ist eine Herausforderung für Staaten, die weiterhin die Hauptverantwortung dafür haben, die Menschenrechte und Grundfreiheiten zu schützen, online wie offline. Neue Formen der technisierten Macht sind entstanden. Private Akteure haben auch an Macht gewonnen. Ihr Hausrecht, ihre AGBs sind primärer Maßstab für einen großen Teil der Online-Kommunikation. Wenn Plattformen löschen, dann löschen sie das zu weit überwiegendem Teil aufgrund ihres Hausrechts. Studien lege nahe, dass ca. 95% aller Löschungen stabil nicht aus Gründen “des (staatlichen) Rechts”, sondern wegen des privaten Hausrechts vorgenommen werden. Es gibt aber Grenzen, die schon vor Corona gezogen wurden, aber gerade in und nach Corona besonders bedeutend sind. Wenn User*innen durch Löschung ihrer Accounts oder Kommentare “eine wesentliche Möglichkeit zur Verbreitung ihrer politischen Botschaften und zur aktiven Teilnahme am Diskurs mit den Nutzern des sozialen Netzwerks vorenthalten” wird und ihre Sichtbarkeit, besonders im Kontext von Wahlen, “erheblich behindert” werde, dann müssen Plattformen diese User*innen wieder online nehmen (so das Bundesverfassungsgericht im Beschluss im Fall “III.Weg”). Plattformen müssen User*innen auch gleichbehandeln und dürfen nicht willkürlich löschen. Die Grundrechte sind teils horizontal zwischen Plattformen und User*innnen anwendbar. Plattformen spielen also eine bedeutende Rolle bei der Verwaltung und Steuerung von Informationen während der Pandemie. Chinesische Plattformen kooperierten in erheblichem Maße mit dem Messaging (und der Message Control) der Regierung, aber auch US-amerikanische Plattformen wie Twitter und Facebook, die in der Vergangenheit bei bestimmten Arten von Desinformation einen “hands-off”-Ansatz verfolgt hatten, machten eine Kehrtwende. Facebook löschte beispielsweise Einladungen zu Anti-Blockade-Demonstrationen, während Twitter (wie auch andere soziale Medienplattformen) stark auf automatisierte Filterung angewiesen war.
Vor wie nach Corona gilt: Es mangelt nicht an anwendbaren Regeln: von Völkerrecht und regionalem Integrationsrecht zu staatlichem Recht, von Gemeinschaftsstandards bis zu Allgemeinen Geschäftsbedingungen. Doch viele User*innen und einige Staaten missachten jene Normen, die sinnstiftender Kommunikation vorausgesetzt sind. Neben groß angelegten Informationsoperationen mittels bewussten Falschinformationen und künstlichen Accounts (Social Bots) entfaltet auch Hassrede – von Diskriminierungen bis hin zur Holocaustleugnung – eine korrosive Wirkung auf rechtstreues und ethisch stabilisiertes Kommunikationsverhalten in Onlineräumen.

Matthias CKettemann, LL. M. (Harvard) ist seit Anfang 2019 Forschungsprogrammleiter “Regelungsstrukturen und Regelbildung in digitalen Kommunikationsräumen” am Leibniz-Institut für Medienforschung │ Hans-Bredow-Institut (HBI) und assoziierter Forscher am Humboldt-Institut für Internet und Gesellschaft (HIIG).

3 x Maren Lehmann (Alle Rechte: Zeppelin Universität)

Anfang nächsten Jahres erscheint bei Emerald das von Steffen Roth, Holger Briel, Changsong Wang und mir betreute Sonderheft von Kybernetes zum Thema ‘Shifting Spheres’. Darin findet sich auch ein Gespräch, das ich mit Ingrid Volkmer (University of Melbourne) und Maren Lehmann (Zeppelin Universität) geführt habe. Maren antwortete zunächst auf Deutsch – und wie so oft hatte ich bei der Übersetzung das Gefühl, dass hier etwas verlorengeht. In diesem Fall: Marens so genaue wie spielerische Art zu denken. Ihr Buchtitel ‘Theorie in Skizzen’ bringt diese Eigenschaft auf den Punkt: ihre begrifflichen Anstrengungen beschränken sich auf das Wesentliche, und sie wirken im gleichen Moment ganz unangestrengt, wie mit leichter Hand gezeichnet. Das Ergebnis ist eine Kombination von Vorläufigkeit und gedanklicher Strenge, ist eine Eleganz, die ich so bei keinem anderen Denker der Gegenwart finde.

Vielleicht ist Englisch aber auch einfach nicht genau genug für sie? ‘Weak sauce’, fiel Marens Übersetzerin Elexis Ellis dazu ein. Bitte versuchen Sie selbst einmal, ihren wunderbaren Ausdruck des ‘zugewandten Unterscheidungsvermögens’ zu übersetzen!

So oder so, dieses Gefühl eines Verlusts ist der Hauptgrund dafür, warum ich ihre Antworten hier vorab öffentlich zugänglich mache. Ein anderer: dass viele ihrer Gedanken sich auf aktuelle Fragen beziehen – also schon jetzt ‘helfen’ können. Zum Beispiel, was sie zu den ‘Grenzen von Öffentlichkeit’ zu sagen hat, etwa im Hinblick auf die gegenwärtigen Corona-Proteste und die Anhänger der QAnon-Verschwörungstheorie, die sich, mit ihren Worten: nicht “zur Nüchternheit und zur taktvollen Selbstbeherrschung entschließen können”: “Für all diese Menschen gibt es keinerlei Öffentlichkeit; für all diese Menschen sind die Grenzen existentiell geschlossen.” (In derart kleinen Dosen genossen, ist Pathos völlig ungefährlich. Und aus meiner Sicht hier auch mehr als angebracht.) Gleiches trifft auf ihre Bemerkungen zur Corona-Krise zu: Das Virus verhalte sich, so Maren, “als habe es Steven Soderberghs Contagion gesehen”: “es kennt unsere Schritte, bevor wir sie tun”.

INTERVIEW-AUSZUG: “Nein, kein Konsens! Denn wozu?”

Was ist dein Konzept von Öffentlichkeit?

Vielleicht würde ich ganz allgemein sagen: Öffentlichkeit ist eine Form der Kommunikation über Grenzen, die ihren Sinn in der Öffnung dieser Grenzen hat. Gregory Bateson hat gelegentlich einmal bemerkt, Grenzen seien nicht Mauern, sondern Brücken; und in diesem Sinne wäre Öffentlichkeit ein Brückenkonzept. Wenn Öffentlichkeit möglich ist, also wenn über Grenzen kommuniziert werden kann, dann lassen sich soziale Umgebungen nicht mehr als abgeschlossene Binnenräume verstehen. Vermutlich setzt das die Möglichkeit voraus, diese Umgebungen nicht nur von innen zu beobachten – denn dann erscheinen sie eben als Umgebung, als Umwelt des eigenen Blicks –, sondern von außen oder so, als ob es von außen wäre, im Modus der Kritik oder des Protests. Eine bestimmte Öffentlichkeit entsteht für mich schon, wenn Personen einander beobachten, sogar nur einander wahrnehmen, weil sie dadurch aus dem Gehäuse ihres Eigensinns gezogen werden. In diesem Sinne wäre Öffentlichkeit so etwas wie der Gegenbegriff zu Idiosynkrasie. Und etwas spezifischer: Öffentlichkeit ist der Raum, die Sphäre, in der Beobachtungen nicht diskreditiert werden können, nicht unter Verdacht gestellt werden, nicht abgewiesen werden können. In diesem eher politischen Sinne wäre Öffentlichkeit so etwas wie der Gegenbegriff des Privaten. Wenn man diese Überlegung generalisiert, also Kommunikation über Grenzen als Systemform der Gesellschaft betrachtet und sowohl für Funktionssysteme wie für Organisationen, Familien, Interaktionssysteme diskutiert, könnte sich zeigen, dass es kein System gibt, das nicht öffentlich ist – weil es kein soziales System gibt, das nicht beobachtet und über dessen Grenzen nicht kommuniziert wird. Aber es wäre ein spezifisches politisches Problem, weil die Politik das Sozialsystem ist, das sich mit der Berücksichtigung und der Abweisbarkeit von Ansprüchen oder Inanspruchnahmen beschäftigt, die sich aus Beobachtungen ergeben können.

Das wäre vielleicht erst einmal eine Nullaussage, eine simple Ableitung aus systemtheoretischen Basisannahmen. Interessant wird es, wenn man sich die medialen Limitationen ansieht, mit denen sich diese über Grenzen kommunizierende Öffentlichkeit arrangiert: Bücher, Presse, Radio, Fernsehen, Internet; sogenannte alte und sogenannte neue Medien, usw. Diese medialen Limitationen zeigen, dass Öffentlichkeit auf spezifische Weise begrenzt ist – sie schafft Umgebungen eigener Art, selektive mediale Ökologien, die solange ihrerseits öffentlich bleiben, wie sie sich gegenseitig beobachten bzw. eben auch über ihre je eigenen Grenzen kommunizieren. Häufig wird das als Selbstreferenz der Medien, ja als deren leere Selbstreferenz kritisiert oder beschimpft, aber es ist die Voraussetzung dafür, überhaupt von Öffentlichkeit sprechen zu können: Medien beobachten Medien, auch dies ist Kommunikation über Grenzen. Mich beschäftigt sehr die Frage, wie sich die einzelnen Medien in dieser Hinsicht unterscheiden, ob es gewissermaßen medienspezifische Stilformen der Öffentlichkeit gibt. 

Welche Bedeutung hat das Habermassche Konzept für dich?

An Habermas’ Konzept hat mich immer das Vertrauen in kritische Vernunft interessiert, in ein – wenn man das so sagen kann – zugewandtes Unterscheidungsvermögen, auch in eine reservierte, besser nüchterne Beteiligungsbereitschaft. Das leuchtet mir sehr ein, aber es leuchtet mir als Desiderat ein: ich wünsche mir das auch, es wäre wundervoll, wenn sich so etwas finden ließe. Man wäre tatsächlich wie unter Freunden, unter Geistesverwandten, gerade weil es wahrscheinlicher wäre, Widerspruch zu erfahren, als Zustimmung. Unbeschreiblich schön wäre das: nicht ausgeschlossen zu werden, wenn man widerspricht, nicht ausgeschlossen zu bleiben, wenn man nicht verstanden wird. Aber kann ein Desiderat ein Konzept sein? Wie normativ, also wie ausgrenzend ist die Grundregel der Vernunft und der Verständigungsbereitschaft? Wie bestechlich ist Vernunft? Ist die letztlich ja politische Öffentlichkeit des kritischen Diskurses, auf die Habermas hofft und auf die auch ich hoffe, nicht von einer Verführung zur Zugehörigkeit oder eben der Anerkennung, des Gehört- und Gesehenwerdens unterspült? Setzt Diskursbereitschaft nicht Diskursfähigkeit voraus, also diskursive Bildung, und ist diese Voraussetzung nicht zugleich kulturell exklusiver Code? So dass Verständigung als Währung im Kampf um Distinktionsgewinne fungiert – und Kritik erstickt?

Wann bist du seinem Konzept zum ersten Mal begegnet?

Nicht in kritischer Öffentlichkeit, wenn ich kalauern darf. Sondern im Studium, wo er normativ eingesetzt und gegen jeden anderen Theorievorschlag – v.a. Strukturalismus, Ethnomethodologie, Systemtheorie – gewandt wurde. Was sich aber weitgehend auflöst, wenn man Habermas liest. Habermas‘ Theorie wurde als Munition im Kampf gegen rivalisierende Theorieschulen eingesetzt; mit seinen Büchern hatte das nichts zu tun. Das geht ja übrigens tatsächlich, wenn man ein Seminar privatistisch-partikularistisch versteht: Wir machen das hier so und so. Wenn man es als Form der Universität versteht und als öffentliche Sphäre ernst nimmt, geht das allerdings eben nicht, dann können Theorievorschläge nicht abgewiesen werden, sondern münden immer in Diskussion. Insoweit muß ich sagen, dass mir Habermas‘ Theorie begegnete in Zusammenhängen, die seinem Theorievorschlag widersprachen. Aber davon lernt man ja viel.

Das ist inzwischen zwanzig, bald dreißig Jahre her, und heute begegnet mir Habermas‘ Theorie – die sich ja stark variiert darstellt; der Öffentlichkeitsbegriff spielt kaum noch eine Rolle – genauso wie Luhmanns oder Foucaults Theorie als plakative Chiffre, die irgendwie auf goldene soziologische Zeiten verweisen soll. Und dann begegnet mir Habermas‘ Öffentlichkeitskonzept auch gewissermaßen als melancholische Warnung, denn die heute praktizierten Kritik- und Protestformen sind häufig derart borniert, idiosynkratisch, verständigungsavers, dass ich praktisch täglich darüber nachdenke, wie attraktiv und zugleich unwahrscheinlich sein Konzept der Öffentlichkeit vermutlich ist. Ein Wunschtraum.

Hat das, was Habermas die bürgerliche Öffentlichkeit nennt, je existiert? 

Aber ja, sicher. Die Frage muss nur – zumindest in einem praktischen, pragmatischen Sinne, zumal wenn man Habermas‘ Begriff zugrundelegt – sein: für wen hat sie existiert? Und für wen nicht? Für die Gebildeten hat sie existiert, für die ökonomisch Abgesicherten hat sie existiert, für die Großstädter hat sie existiert. Man mag tatsächlich von Bürgerlichkeit sprechen, vielleicht. Letztere Einschränkung würde ich machen: die neuzeitliche, wahrscheinlich sogar nur die moderne Stadt ist Voraussetzung für Öffentlichkeit in einem praktischen Sinn, weil die Großstadt die soziale Form ist, die Grenzen für überbrückbar hält. Also bestand und besteht Öffentlichkeit wahrscheinlich tatsächlich für gebildete, ökonomisch zuversichtliche Großstädter – und unter diesen in ihrer akademischen Form für die Universitätsangehörigen -, und für sie existiert sie noch immer. Die Öffentlichkeit ländlich-kleinstädtischen Lebens ist, soweit ich sehe, immer privatistisch, immer partikularistisch. Aber auch in den Großstädten wirkt Bildung – auch und vielleicht vor allem: Bildung zur Kritik – exklusiv. Ausgeschlossen bis heute sind Menschen, die nicht lesen und schreiben und rechnen können. Ausgeschlossen bis heute sind Menschen, die qua Wahrnehmung für Fremde gehalten werden – man muss ja ernstnehmen, daß Kritik sich in der Regel am Verstandenen entzündet, also einen gewissen Bias zugunsten des Vertrauten und Gewohnten hat; Fremdes wird gegebenenfalls gelobt, aber nicht kritisch gewürdigt. Ausgeschlossen sind Menschen, die sich nicht zur Nüchternheit und zur taktvollen Selbstbeherrschung entschließen können – und das sind ja nicht Betrunkene oder Exaltierte, sondern Menschen in Angst und existentieller Not oder in einer panikähnlichen Verunsicherung. Für all diese Menschen gibt es keinerlei Öffentlichkeit; für all diese Menschen sind die Grenzen existentiell geschlossen.

Welche Verschiebungen der Öffentlichkeit hast du zuletzt beobachtet?

In jüngster Zeit habe ich mich – orientiert an Luhmanns Ausdruck der Enthemmung der Kommunikation – mit der Frage beschäftigt, ob die sogenannten neuen Medien, ob also vor allem das Internet und dort vor allem die social media so etwas wie Negationsmaschinen sind. Meine Überlegung geht dahin, eine gewisse Schwächung der sozialen und vor allem der sachlichen Dimension von Sinn zugunsten einer Stärkung der zeitlichen Dimension zu vermuten und eine Kommunikationsform entstehen oder sich ausbreiten zu sehen, die auf schiere Operativität setzt. Langsamkeit, Zögern, Grübeln, Schwebezustände, Ambiguitäten usw. würden dann diskreditiert, Schnelligkeit, Schärfe, Action, Entscheidung usw. würden privilegiert. Negationen eignen sich in solchen Zusammenhängen dafür, nächste Schritte – also forcierte Operativität – zu provozieren, ohne sich auf sachliche Abwägungen und soziale Würdigungen einlassen zu müssen. Um eine Analogie zu bemühen: das Internet, tatsächlich ein Netz, erschiene dann wie eine sozial eher anonyme und sachlich eher indifferente, zeitlich aber extrem schnelle Großstadt, eine universalistisch beobachtende, rasant sich verdichtende Weltstadt, die in sich Plattformen ausdifferenziert, die einem partikularistischen bias folgen. Eine kritische Öffentlichkeit in Habermas‘ Intention wäre in einem solchen Netz wohl verloren; ihr Sinn würde nicht verstanden.

Welche Auswirkungen der Corona-Krise auf die Öffentlichkeit sind dir aufgefallen? Was fällt dir ganz generell zum Virus ein?

Ich beobachte einerseits eine interessante Sensibilität für autologische, selbstreferentielle Strukturen und andererseits eine verstörende Affinität zu traditionalen Managementformen. Einerseits verhält sich das Virus, als habe es zum Beispiel Steven Soderberghs Contagion gesehen und sei darauf vorbereitet, dass wir diesen Film ebenfalls gesehen haben – es kennt unsere Schritte, bevor wir sie tun. Dadurch ist unsere Zukunft plötzlich ein erfahrbares Implikat unserer Gegenwart – die Zukunft kann, wie Luhmann schon vor Jahrzehnten formuliert hat, nicht beginnen, weil sie schon begonnen hat. Daraus entsteht so etwas wie eine faszinierte Lähmung. Und diese Lähmung scheint mir ihren medialen Ausdruck in der verkrampften Regungslosigkeit zu finden, in der wir auf die Präsenzsimulationen unserer Bildschirme starren – bisher übrigens ohne Sinn für die Komplikation, die daraus entsteht, dass diese Bildschirme zunehmend touch screens sind. Andererseits wird die Verbreitung des Virus als Duplikat massenmedialer Vernetzungen aufgefaßt, mit denen traditionale Administrationen schon lange rivalisieren. Das Virus wird zwar bewundert, weil es den Inklusionsimperativ der modernen Gesellschaft ja geradezu perfekt realisiert: jeden kann es erfassen, niemanden nicht. Aber als Kehrseite dieser Bewunderung entsteht ein Handlungsbedarf, der priorisieren, präferieren, seligieren muß, um durchsetzungsfähig zu sein. Der viralen Grenzenlosigkeit wird mit Relevanzhierarchisierungen begegnet, die alles diskreditieren, was als Formvariante des Virus erscheint: das Unverständliche, das Unfaßbare, das Unruhige. Die Rede von der Stunde der Exekutive ist teuflisch, scheint mir, nicht zuletzt auch für die öffentliche Sphäre. 

https://www.emeraldgrouppublishing.com/journal/k/shifting-spheres

Ein Virus dominiert weltweit die Kommunikationsströme. »Corona« ist von gesamtgesellschaftlicher Relevanz, das Kennzeichen jeder Krise. Nicht nur die Körper sind infiziert, auch die Gesellschaft ist es. Ein Zwang zum Urteilen und Handeln unter Zeitnot, eine unbestimmte Verpflichtung zur Aktion setzt Politik, Wirtschaft, Massenmedien und nicht zuletzt die Wissenschaft unter Druck. Man könnte von einer sozialen Immunantwort der Gesellschaft sprechen, einem Krisenmanagement, das unterschiedliche kommunikative Anschlüsse organisiert; Anschlüsse, die zum Virus ein Verhältnis suchen. Und da es in der modernen Gesellschaft keine Zentralinstanz mehr gibt, die grundlegende Direktiven festlegt, bildet jeder der gesellschaftlichen Teilbereiche andere Antikörper aus. »Corona« ist für die Politik etwas anderes als für die Wirtschaft, für die Religion etwas anderes als für die Wissenschaft.

Doch die Corona-Krise ist nicht nur ein Ausnahmezustand, der zwei unterschiedliche Strukturen miteinander konfrontiert: die gewohnten, die wir alltäglich als ›normal‹ empfinden, und jene des Lockdowns und der Kontaktbeschränkungen, die diese unterbrechen. Sie ist auch ein Anlass für die Weltgesellschaft, jenseits globaler Lieferketten erneut über die eigene Identität nachzudenken.

Vorliegender Sammelband ist der Versuch, dem öffentlichen Interesse an wissenschaftlichen Resultaten ohne Verlust an Komplexität und Sinngenauigkeit gerecht zu werden. Er bringt das Nachdenken über die Pandemie in Form eines interdisziplinären Projekts auf die Höhe der gesellschaftlichen Praxis: Soziologie, Philosophie, Psychologie, Theologie, Rechtswissenschaft, Medizin und andere wissenschaftliche Programme leuchten die unterschiedlichen Dimensionen des »Gegenstands« aus, um der übergreifenden Fragestellung gerecht zu werden, die das Virus für unsere Gesellschaft darstellt.

https://www.velbrueck.de/Programm/Vorschau/Corona.html

https://www.velbrueck.de/out/media_rte/Vorschau-2_2020_Velbr%C3%BCck_klein.pdf

Ob der Rückzug der USA aus dem Pariser Klimaabkommen tatsächlich eine zusätzliche Erwärmung der Erde um 0,3 Grad zum Ende des Jahrhunderts bedeutet oder nicht, hängt davon ab, ob die Emissionen des Landes in die Höhe gehen oder weiter sinken − und darüber kann niemand Auskunft geben. Ob eine Begrenzung auf 1,5−2 Grad ausreicht, um die globale Erwärmung zu stoppen, ist ebenfalls strittig. Dass diese Marke als idealer „Brennpunkt in einem Koordinationsspiel“ (Jaeger and Jaeger 2018) Dutzenden von internationalen Akteuren ermöglicht, einen gemeinsamen politischen Nenner zu finden, wird damit nicht bestritten, hat aber mit ihrer Wahrheit nichts zu tun. Sie ist, genau wie das Abkommen selbst, vor allem ein Symbol − ein moralisches Symbol dafür, dass die Weltgemeinschaft die Verantwortung wahrnimmt, zukünftige Lebensbedingungen auf diesem Planeten durch bestimmte Entscheidungen zu verbessern und gravierende Schäden abzuwenden. Die im Abkommen beschlossenen Maßnahmen zu unterlassen, so die Position Europas, sei riskant. Sie könnten ja helfen. Sollte man nicht zumindest das Mögliche versuchen? Selbst dann, wenn die Binnenstrukturen der etwa 200 nationalstaatlichen politischen Systeme ein derart komplexes und heterarches Geflecht darstellen − inklusive der betroffenen Publikumsgruppen, der Wähler und der Lobbyisten −, dass sachangemessene und wirkungsvolle Entscheidungen eigentlich unmöglich sind? Selbst dann, wenn die nationalen wie die internationalen Rechtssysteme die auf der Ebene der Politik getroffenen Entscheidungen ja erst noch erfolgreich implementieren müssen, was keineswegs garantiert ist, wobei es gerade im Bereich des Rechts von Nation zu Nation allergrößte Unterschiede gibt? Selbst dann, wenn auch die Wissenschaft sich keineswegs über die richtige Klimastrategie im Klaren ist, von der Kontaminierung der Debatte durch den Fokus auf den Kohlendioxidausstoß ganz zu schweigen?

Das Schema, das hier zum Einsatz kommt, ist das Schema von Risiko/Gefahr, wobei das Risiko auf der Seite der Entscheider liegt − in diesem Fall der Politiker − und die Gefahr auf der Seite derer, die von diesen kollektiv bindenden Entscheidungen betroffen sind: der Bürger, im Falle Trumps: der ‚Kunden‘. Diese können ja nicht mitentscheiden, auch wenn die Politik sie das glauben machen möchte, etwa indem sie den Einzelnen zum umweltfreundlichen Handeln auffordert. Diese Vorstellung, Änderungen mithilfe individueller Motivation durchsetzen zu können, erhält in fragwürdigen wissenschaftlichen Theorien wie etwa dem sogenannten ‚Informationsdefizit‘ zusätzlichen Auftrieb. Das Problem ist, dass diese Appelle, sich  an eine Moral des Verhaltens zu binden, möglicherweise das Gewissen des Einzelnen beruhigen, aber kaum die Steigerungsdynamik der industriell verfertigten Industriedynamik stoppen können. Auch hier geht China mit gutem Beispiel voran, weil es über genau jene Hierarchien und Kontrollmöglichkeiten verfügt, die dem individualistisch und liberalistisch strukturierten Westen fehlen, um zu verbieten, was verboten werden muss. Es muss nicht erst mühsam die erforderliche Zustimmung für die nötigen Einschänkungen des Verhaltens organisieren. Die chinesische Weltherrschaft wäre in der Lage, die zersplitterte Gesellschaft in ein Kollektivorgan zu verwandeln, das dann mittels einer CEA − central environment agency − alles Erforderliche unternehmen könnte, um sie in Richtung Umweltfreundlichkeit nachzujustieren, also Einschränkungen des Verhaltens auf einer gesamtgesellschgaftlichen Ebene  sowohl zu legitimieren wie auch durchzusetzen (vgl. Baecker 2008: 520).

Risiken gehen wir alle mitunter ein, manche von uns sogar solche, die das eigene Leben bzw. die eigene Unversehrtheit betreffen. Wenn es darum geht, sich von Gefahren betreffen zu lassen, die durch die riskanten Entscheidungen anderer entstehen, sind wir nicht so enthusiastisch. Wir können uns das anhand unseres Fahrverhaltens deutlich machen: Wir sind sehr empfindlich, was das riskante Fahrverhalten anderer angeht, während wir die von uns eingegangenen Risiken beim Autofahren gern ignorieren. An der Kündigung des Pariser Abkommens wird die Wirksamkeit des Schemas deutlich, das den Entscheider Trump und das von ihm induzierte, in Kauf genommene Risiko der Umweltverschmutzung auf die eine Seite setzt, während der Rest der Welt, der davon betroffen ist, dieses Risiko als Gefahr erlebt. 

Nur: Wer soll denn sonst entscheiden, wenn nicht die Politik? Die Wissenschaft eher nicht, denn sie kann keine sicheren Lösungen anbieten. Trump scheut bekanntlich keine Risiken; er setzt die Notwendigkeit des machtgedeckten Entscheidens bedenkenlos für die Zwecke der Primärisierung Amerikas ein. Die Frage, ob es sich im Falle des Klima-Abkommens um eine angemessene Problembearbeitung der Umweltfrage handelt, stellt sich ihm gar nicht, da sich die Angemessenheit allein auf das Einlösen seiner Wahlversprechen bzw. die Erwirtschaftung von Gewinnen bezieht.

Als Feind der Umwelt dazustehen, ist ein Risiko, das er in Kauf nehmen muss − genau wie seine Verharmlosung der Nazi-Gewalt −, da es ihm die Zustimmung seiner Anhänger sichert. Doch er ist schlau genug, diese Entscheidung nicht als eine gegen den Planeten, gegen den Umweltschutz gerichtete erscheinen zu lassen: „Even if the Paris Agreement were implemented in full, with total compliance from all nations, it is estimated it would only produce a two-tenths of one degree − think of that; this much − Celsius reduction in global temperature by the year 2100. Tiny, tiny amount.“ (Trump 2017b) Dass er damit implizit das Abkommen als unzureichend kritisiert, ist eine schöne Pointe. Außerdem, so Trump, würden die durch die Kündigung gewonnenen Gelder ja wiederum in den Umweltschutz gesteckt, wenn auch nur in den der US-amerikanischen − eine Strategie, die die Möglichkeit eines Umweltschutzprotektionismus behauptet, also Trumps Handelsideologie kurzerhand auf ökologische Fragen umlegt.

Auch die Lockerung der Sicherheitsauflagen für Bohrfirmen stellt für Trump lediglich ein Risiko dar − die Gefahr befindet sich auf Seiten der Umwelt bzw. auf jener der Arbeiter. Eine mögliche Umweltverschmutzung wird auch hier riskiert, um die heimische Öl- und Gasindustrie zu stärken, wobei die Regierung betont, dass die Revision des Regelwerks zur Produktionssicherheit dem Ziel der Regierung diene, die Marktstellung auszubauen, und nicht etwa dem, die Sicherheit zu opfern. Das ließe sich kommunikativ auch kaum vermitteln: ‚Wir nehmen den Tod von Menschenleben und Seevögeln zugunsten größerer Profite in Kauf.‘ Doch da die Revision unter anderem vorsieht, Bestimmungen zu lockern, die eine sofortige Datenübermittlung von Ölplattformen an Festlandsanlagen vorsehen, wo sie dann von den Aufsehern geprüft werden könnten, ist diese Behauptung wenig überzeugend. Der Präferenzwert ist auch hier nicht der Umweltschutz, sondern der Schutz der amerikanischen Industrie: „Nach BSEE-Berechnungen bringen die geplanten Lockerungen der Industrie Einsparungen in Höhe von mindestens 228 Millionen Dollar [190 Millionen Euro] in den kommenden zehn Jahren.“ (ntv 2017) Trump riskiert eine erneute Ölkatastrophe, riskiert die Verschmutzung des Meeres und der eigenen Küste, riskiert den Tod Hunderttausender Seevögel − und all das, weil er selbst kein Seevogel ist. Doch ob die Lockerung der Bestimmungen letztlich zu einer Katastrophe führen wird, ist völlig offen. Ob strengere Sicherheitsvorkehrungen sie verhindern könnten, ebenfalls.

Das Gleiche gilt in Bezug auf die von Trump geförderte Fördertechnik Fracking, die vielen Counties in Südtexas (Life Oak, McMullen etc.) zu bemerkenswertem Reichtum verholfen hat, weshalb sich unter den dortigen Einwohnern eine ungewöhnlich hohe Zahl von Trump-Anhängern findet. Auch hier gilt, dass die Entscheidung, zu ‘fracken’, die Möglichkeit nachteiliger Folgen in Form von Umweltschäden in Kauf nimmt, weil diese Folgen nur möglich sind. Sollte sich herausstellen, dass Fracking der Umwelt irreparable Schäden zufügt, werden Trump und die Konzerne sich verantworten müssen. Dann war seine Entscheidung eventuell der Auslöser für den Tod Tausender Kleinstlebewesen, vieler seltener Pflanzen usw. Die Kosten sind für Trump allerdings geringer, als für die Umwelt, er wird vor allem Reue zeigen müssen. Und auch in diesem Fall würde sie nicht ihn betreffen, der sie riskiert hat, denn: He won’t be there (vgl. Suebsaeng und Markay 2018). Zwar ist der Entscheider Trump beim Klima in die Folgen seiner Entscheidung als Betroffener eingebunden, aber das scheint ihn nicht zu beunruhigen, da es in Klimafragen um lange Zeiträume geht. Mit Trump: He doesn’t have to worry about future generations in theory. Unless he is a very good person who cares about people.

Hat sich Trump mit diesem Statement über Prince Charles moralisch disqualifiziert? Nur auf den ersten Blick. Auch Trump sorgt sich ja laut eigener Aussage um people. Nur eben nicht um alle. Wir haben es mit zwei Moralen zu tun, die sich nicht zur Deckung bringen lassen, einer National- oder USA-Moral und einer Umweltmoral, wobei die Umweltmoral sozial und moralisch begünstigt wird − sie trifft auf die besten Bedingungen dafür, sich zu Wort zu melden, was an Macrons und Merkels Statements deutlich wurde. Längst ist der Umweltschutz zu einem Wert aufgestiegen, finden sich reine Luft, reines Wasser, Bäume und Tiere auf einer Stufe mit „Freiheit, Gleichheit und Frauen“ (Luhmann 2008a: 140). Umwelt verpflichtet, und zwar dazu, ‚etwas zu tun‘, und sei es, ein Abkommen zu unterzeichnen. Dass auch die Entscheidung für das Pariser Abkommen riskant sein könnte, darf nicht in den Blick kommen − zumindest nicht für den, der an der Umweltbetroffenheit parasitieren will.

Doch die gemeinsame Empörung der Trump-Gegner täuscht darüber hinweg, dass das Abkommen sehr viel ‚weiche Sprache‘ enthält und sehr wenig harte Regeln darüber, wie gemessen, berichtet und überprüft wird, wie viel Kohlendioxid die Staaten ausstoßen. Nicht nur „Mr. Trump doesn’t get close enough to the dossiers“ (Juncker , zitiert nach Rettman 2017, siehe auch NBC 2017). Die Massenmedien tun es genauso wenig. Der amerikanische Präsident hat mit der Kündigung des Pariser Abkommens einen weiteren Normbruch begangen, weil er sich damit gegen die Selbstverständlichkeit (den Wert) des Umweltschutzes aussprach; tatsächlich hat er nicht so sehr einem Abkommen, sondern vor allem einem weiteren Symbol der ‚transatlantischen Wertegemeinschaft‘ seine Zustimmung verweigert. Und auch seine Kündigung war zuletzt nicht mehr als ein Symbol. Juncker hat darauf aufmerksam gemacht, dass das Abkommen gar nicht ohne Weiteres verlassen werden kann: „It would take three to four years after the agreement came into force in November 2016 to leave the agreement […]. So this notion, ‚I am Trump, I am American, America First and I’m going to get out of it’ – that won’t happen.“ (Zitiert nach Sheth 2017) Er zitiert Daenerys Targaryen bzw. George R. R. Martin: „The law is the law and it must be obeyed.“ (Zitiert nach Snopes 2017) Die Empörung in den Massenmedien hat Trump geholfen, von diesem Umstand abzulenken. Seine Kündigung erscheint als direct action: er hat gehandelt, was in den Augen der Wähler die Phantasmatik eines Subjekts, einer verantwortlichen Einheit, überhöht und sein Heldendasein bestätigt, als das Gegenteil eines ‚all-talk-no-action-politicians‘. Auf der Seite seiner Gegner dagegen hat es eine moralische Qualifizierung des Ereignisses ‚Kündigung des Abkommens‘ möglich gemacht. Win-win.

Trump – beobachtet erscheint am 19. Juni 2020 im Springer-Verlag.

https://www.springer.com/de/book/9783658247614