Karachi

Pakistan, das ist vor allem die alltaegliche Erfahrung ungleicher Lebenschancen. Aber Pakistan, das ist auch jene verloren gegangene Verheissung, dass sich im Jenseits ein gerechter Ausgleich der irdischen Unbilligkeiten ereignet. Formen der Parodie, der Groteske, der Ironie gibt es hier zwar auch, Pakistan ist Teil dieser Welt. Aber sie haben kaum die Reichweite, die sie im sogenannten Westen haben – nicht zuletzt weil es hochgefaehrlich ist, sich hier auf sie zu beziehen.

Wenn es keine unio mehr gibt, keine gesellschaftliche Zentrale, die Einheit repraesentieren kann, und auch kein Umfassendes, Umgreifendes mehr, das die Ordnung der Gesellschaft haelt und traegt, dann ist Haltlosigkeit die Folge. Nichts kann uns ‘Modernen’ noch die Gueltigkeit eines Sinns garantieren. Stattdessen gibt es viele Sinne, die alle miteinander konkurrieren – in Form von zahllosen Moden, Lebensstilen, Ethiken, Theorien. Sogenannte ‚Sinnkrisen‘ sind die Folge. Mit Montaigne: Der Wind des Zufalls treibt uns vor sich her, und wir schwanken und verwirren uns ausserdem noch selber.

Selbst verwirren möchten viele Pakistaner sich lieber nicht. Das ist nachvollziehbar, denn es gibt hier – weiß Gott – schon genug Verwirrung. Organisation trifft auf Disorganisation, funktionale Differizierungsmuster auf tribal patterns, Nation auf Stamm. Halt verspricht nicht das Recht, die Politik, schon gar nicht die Wirtschaft, sondern allein der Glaube: Nicht der Wind des Zufalls, Allah treibt uns vor sich her – und das ist auch gut so. (Oder in der postkolonialen Variante, die bei vielen meiner pakistanischen Kollegen hier sehr beliebt ist: Es ist der Westen, der Kapitalismus, der sich vor uns hertreibt.) Mit einem Mal empfinden sich die Menschen wieder als ganz, einheitlich und fest – als aus einem Guss.

Das ist der Naehrboden, auf dem der Fundamentalismus waechst: die Sinn-Gewissheit, die in vielen Bereichen des Westens andere, hauptsächlich profane Formen liefern sollen. Aber mit der Sinntiefe des Islam, mit seiner Strenge und Gnadenlosigkeit, die dann zur Gnade fuehrt, kann sich weder der neue Song von Coldplay, der Kauf eines neuen Kleidungsstuecks noch der woechentliche Yoga-Kurs messen.

Die Verheissungen des Westens: hier in Pakistan treten sie in der Oeffentlichkeit vor allem in Form von Reklametafeln auf. Ihnen haftet nichts Verheissendes an. Sie repraesentieren die andere, unerreichbare, fünf Prozent der Bevölkerung vorbehaltene Seite. Ihr bunten, glänzenden Farben wirken vor allem als Kontrastfolie zu ihrer Umgebung, die aus heruntergekommenen Beton- und Ziegelbauten besteht. Sie sind im Wortsinne exklusiv: aus-schließlich. Siehe – die Unwirklichkeit Hollywoods! Siehe – leere Versprechungen! Siehe – das Leben der anderen!

Der Kunstausdruck ‘Pakistan’, der „Land der Reinen“ heissen soll, faktisch aber auf einen Akronym basiert, wirkt mitunter absurd angesichts all der Unreinheit, all des Drecks, der etwa in einer Stadt wie Karachi dominiert. Aber natuerlich bezieht sich diese Reinheit auf ein reines Innen, nicht auf das schmutzige Aussen – auf eine Reinheit, die in der Moderne unmoeglich geworden ist und gerade deshalb mit solcher Vehemenz – fundamental eben – wieder hergestellt werden soll.

Das saekulare pakistanische Recht hat deshalb das Problem, Erwartungen stuetzen zu muessen, die nicht der Realitaet vieler Pakistanis entsprechen – und schon das Wort ‚Pakistanis‘ weist auf die Problematik hin, da der Staat jung ist und in den Augen vieler zwangsnationalisierter Menschen weniger Legitimitaet genießt als die ueberlieferten und durch den religioesen Fundamentalismus ueberakzentuierten, zugespitzten Rechtsttraditionen.

Dadurch ist die soziale Problematik im Land sprunghaft angewachsen. Der Politiker Salman Taseer hat sich zu diesen vermeintlich illegitimen, aber durch die Verfassung gestuetzten Erwartungen bekannt, zu denen auch die Debatte gehoert, die Auseinandersetzung, das rationale Argument. Da er sich in der Freiheit seines Verhaltens nicht einschraenken – auch nicht einschuechtern – ließ, wurde er getoetet, um weiteres Verhalten unmoeglich zu machen. Zwar wurde sein Moerder durch das – weltliche – Recht disprivilegiert; aber das, was man ihm zumutet, naemlich sich anzupassen, ist von vornherein ein aussichtsloses Unterfangen, da er sich nicht dem weltlichen Recht unterwirft, sondern jenem Recht, das Immanenz und Transzendenz verknuepft.

Was in Deutschland seit dem Nationalsozialismus als wenig attraktiv gilt, das Prinzip der Identitaet der Verfassung mit einer religioesen (bei den Nazis: ideologischen) Gesellschaftskonzeption, besitzt in Pakistan eine hohe Anziehungskraft. Der Moerder Taseers haelt das Blasphemiegesetz fuer begruendet. Es befindet sich mit seinen moralischen, religioesen Wertungen im Einklang – im Gegensatz zu dessen Aufhebung oder Abschaffung, die in ihm offenbar einen Mißklang erzeugt. Die Sanktionserwartungen haben sich bei ihm in keiner Weise ausgewirkt, weil die eigentliche Sanktion von einer ganz anderen, nicht zu dieser Welt gehoerenden Instanz erwartet wird. Erwartet wird in diesem Falle also nicht im Sinne des Rechts, sondern im Sinne der Religion oder des Glaubens – ueber-sinnlich, wenn man so will. Taseers Moerder ist sich offenbar sicher, darauf deutet alles in seinem Verhalten hin, dass die religioese Norm ihn schuetzt. Aber eben nicht vor dem Gefängnis oder Gehaengtwerden, der ‘immanenten Sanktion’. Gegen eine derart anders ausgerichtete Realitaet hat es jede Norm schwer.

Die Geschichte der Menschenrechte – genau wie die Verhaftung und Verurteilung von Taseers Moerder – zeigt aber, dass es im Prinzip moeglich ist. Niklas Luhmann hat darauf hingewiesen, dass sie in einer Gesellschaft proklamiert wurden, in der die Sklaverei zum Alltag gehörte, in der amerikanischen Gesellschaft um 1776. Rechtsstaatliche Normen lassen sich in Pakistan also durchsetzen – und die Polizei zeigt in der Tat ‘enormes Durchhaltevermoegen’ dabei, für das Durchhalten rechtlicher Normen im Land zu sorgen. Es gelingt, wie wir uns erinnern wollen, auch in den westlichen ‘Demokratien’ – der institutionellen Zivilisierung des Konflikts – nicht ohne weiteres.

Nachtrag Februar 2015: “Seltsamerweise war der Westen stolz auf dieses Wahlsystem, das doch nicht mehr war als die Aufteilung der Macht zwischen zwei rivalisierenden Gangs, nicht selten kam es sogar zu einem Krieg, um dieses System anderen Ländern aufzuzwingen, die diesbezüglich weniger enthusiastisch waren.” (Michel Houellebecq, Unterwerfung)

Der Fall Hoeness

Wir wissen nichts über die Motive von Uli Hoeness – und wir müssen auch nichts über sie wissen, denn sie spielen keine Rolle. Zumindest nicht aus rechtlicher Sicht. Wir müssen im Gegenteil für eine Beurteilung dieses Falls von den Motiven absehen.

Warum sollten wir?

Ganz einfach, weil die Norm ansonsten ihre Funktion nicht erfüllen kann. Hoeness hat womöglich gar nicht gewußt, dass er gegen geltendes Recht verstößt.

Ich glaube eher, dass er nicht einer Meinung war mit der Steuernorm. Dass er sie nicht für legitim hielt, mehr noch: für hoenesswidrig. Weil sie sich nicht mit bestimmten Werten seiner Person im Einklang befand. Dass er sich gefragt hat: Warum soll ich dabei mithelfen, eine solche Norm – eine Norm, die Erfolg bestraft – gegen meine massiv anders ausgerichtete Realität durchzuhalten?

Dann hätte ich ihm geantwortet: Weil du deine Freunde enttäuschen könntest, lieber Uli.

Welche Freunde?

Politiker, die mit für die Norm verantwortlich sind und bestimmte Erwartungen in dich haben. Vor allem die, dass du von ihnen mitgestaltete Normen auch befolgst.

Ich glaube, diese Freunde haben vor allem erwartet, dass er die private Seite auf der privaten lässt.

Was er durchaus ehrlich versucht hat. Aber dann kam der blöde Stern und ließ ihm keine Wahl. Er hat ja gesagt, das Zocken war wie Monopoly für ihn. Aber Gefängnis ist kein Spiel. Die Aussicht auf einen möglichen Freiheitsentzug hat ihm klargemacht, dass er nicht im Sinne des Rechts erwartet hatte, oder anders: dass er ein Recht darauf hat, verurteilt zu werden.

Ich weiß nicht. Ich würde eher versuchen, eine psychoanalytische Perspektive einzunehmen.

Und wie würdest du da vorgehen?

Du weißt vielleicht, dass Genießen laut Lacan alles andere als ein Genuss ist.

Nein, wußte ich nicht. Sondern?

Harte Arbeit. Wenn wir uns Dinge auf der Zunge zergehen lassen, tun wir nur unsere Pflicht. Uli Hoeness hätte somit beim Zocken nicht einfach irgendwelchen Neigungen nachgegeben – was im übrigen durchaus auf seiner Verteidigungslinie liegt –, das Zocken war kein Genuss für ihn, es hat ihm eher Schmerz als Lust bereitet. Er hat darunter gelitten, aber er konnte nicht anders: er musste seine Pflicht tun.

Zocken als Pflichterfüllung?

Ja. Was treibt einen Staatsbürger deiner Ansicht nach dazu, ethisch zu handeln? Steuern zu zahlen, sich um krebskranke Kinder zu kümmern?

Keine Ahnung. Irgendwelche Ideale vermutlich.

Ideale ist gar nicht so schlecht. Freud unterschied Ideal-Ich, Ichideal und Über-Ich. Lacans Präzisierung dieser drei Instanzen lautet: das Ideal-Ich steht für das idealisierte Selbstbild – für die Art und Weise, wie Uli Hoeness sein, wie er von anderen wahrgenommen werden möchte. Hierher gehören sämtliche in der Öffentlichkeit gemachte, für sie gedachte Äußerungen. Das Ichideal dagegen ist die Instanz, die man mit seinem Ich beeindrucken möchte – der große Andere, der Hoeness antreibt, sein Bestes zu geben, das Ideal, dem er zu folgen und das er zu verwirklichen sucht. Das Über-Ich ist die gleiche Instanz, nur befindet sie sich auf der Gegenseite: es bestraft, rächt, quält. Diese drei Instanzen entsprechen genau der für Lacan so wichtigen Trias imaginär-symbolisch-real. Das Ideal-Ich ist imaginär: Hoeness stellt sich vor, wer er gerne wäre. Er schaut in den Spiegel und sieht einen braven, hart arbeitenden, keine Steuern hinterziehenden Bürger. Er idealisiert sich. Das Ichideal dagegen ist symbolisch: der Ort im großen Anderen, von dem aus er sich betrachtet und beurteilt. Das Über-Ich ist die Wirklichkeit: die Massenmedien, die Steuerbehörde, die enttäuschte Bundeskanzlerin – die grausame Instanz, die von ihm Unmögliches fordert – immer brav abführen, nie zocken – und sich über sein Scheitern lustig macht, über seine vergeblichen Versuche, das sündige Streben zu unterlassen. Lacan fügt eine vierte Instanz hinzu. Anstatt das gute Ichideal gegen das böse, grausame Über-Ich in Stellung zu bringen, verweist er auf das Gesetz des Begehrens. Das ist die Instanz, die von uns fordert, im Einklang mit unserem Begehren zu handeln. Und die Kluft zwischen dieser Instanz und dem Ichideal – den von uns internalisierten soziosymbolischen Normen und Idealen – ist laut Lacan ziemlich groß.

Ich verstehe. Die Kluft ist schuld …

So würde ich das sehen. Sein Ichideal führte Hoeness zu moralischer Reife, machte ihn zu einem fürsorglichen Club-Präsidenten. Aber um den Preis, das Gesetz des Begehrens zu verraten.

Dann war der Grund für seine Zockerei: die Akzeptanz vernünftiger Forderungen?

Ja, das ist die Idee. Das Über-Ich ist die Kehrseite dieser moralischen Reife, weil es einen nahezu unerträglichen Druck auf uns ausübt – im Namen dieses Verrats. Wir fühlen uns schuldig, weil wir von unserem Begehren abgelassen haben. Das Verbot, Steuern zu hinterziehen, ist also nicht einfach nur negativ, es ist auch positiv bzw. produktiv. Gerade weil er sich im Geschäftsleben so im Griff hatte, war Hoeness als ‘Zocker’ nicht Herr seiner Neigungen.