postkarte f.j. degenhardt

 

Lieber Herr Heidingsfelder,

las gerade mit großem Vergnügen Ihre Rezension von Biermanns Düsseldorfer Poetik-Lesungen. Sie wissen ja, wie wenig ich den Kerl ausstehen kann.

Herzliche Grüße, Franz Josef Degenhardt

 

postkarte f.j. degenhardt

 

Lieber Herr Heidingsfelder,

nach unserem letzten Telefonat habe ich mir noch einmal „Geht’s nicht auch so?“ angehört. Was ich – peut-etre (!) – ausdrücke, ist: Genießen (Hedonismus) pur und nur gelingt nicht – nicht mal für’n Genuß. Das umgekehrt Ungenießbare klingt und dröhnt immer mit. Aber Interpretationen des Autors sind auch nicht besser als die eigenen!

F.J. Degenhardt

CCTV control room © Rem Koolhaas & OMA 2004

Die Aufregung ist groß, nach wie vor. Einmal mehr tun die Massenmedien, was sie tun müssen: skandalisieren. Die Fortsetzungsgeschichte, die sie uns seit einigen Monaten präsentieren, lautet: NSA. Und sie nimmt und nimmt kein Ende, auch wenn die Kommunikation darüber langsam abschwillt – wobei das Thema sofort und gern wieder aufgegriffen wird, sobald sich eine Gelegenheit bietet (selbst wenn die Meldung kaum Neuigkeitswert hat, wie etwa jene, dass die NSA Handy-Daten für gezielte Tötungen liefert).

Natürlich müssen Geheimdienste Geheimnisse in Erfahrung bringen, möchte man den Empörten und öffentlichen Meinungsinhabern zurufen – was denn sonst? Natürlich versuchen sie, dieses In-Erfahrung-bringen den technischen Gegebenheiten anzupassen, was denn sonst? Natürlich können sie all das nicht zugeben und offen mit uns über Verdecktes sprechen, genau deshalb operieren sie ja verdeckt, mögen auch Ent-Decker wie Edward Snowden sie in einige Verlegenheit gebracht haben. Man stelle sich vor, ein Medium wie der Spiegel würde die von ihm geforderte kommunikative Transparenz praktizieren, etwa Entscheidungsprozesse öffentlich machen, Quellen nennen etc. also über die eigene Geheimnis-bzw. Informationsbeschaffungspraxis berichten – auch wenn dies zur Zeit, wenn auch nicht als Folge der NSA-Affäre, sondern dem Web 2.0-Geist verpflichtet, von manchen Journalisten durchaus gefordert wird.

Und natürlich ist das Handy von Angela Merkel (oder das irgendwelcher anderer Minister) für die NSA interessanter als das von ‚Otto Normalbürger‘. Ausgerechnet sie nicht mehr abzuhören ist genauso unsinnig wie die Empörung der Massenmedien, dass “sogar” die Kanzlerin abgehört wird. Und natürlich arbeiten die einzelnen Apparate weitgehend autonom, kann ein Obama weder alles absegnen noch in Auftrag geben – niemals könnte eine Ursula von der Leyen Verteidigungsministerin werden, liefe der Apparat nicht ohnehin weiter, den sie nun in den Massenmedien aufs Geschickteste repräsentiert. Das Gleiche gilt für die NSA, oder ganz allgemein: die Geheimdienst-Bürokratie, die im Namen und Auftrag des Präsidenten Dinge tut, von denen der nichts weiß, die sozusagen ‚Geheimnisse vor ihm‘ hat.

Nachvollziehbar, dass naive Cyber-Enthusiasten nun ihre Enttäuschung darüber zum Ausdruck bringen, dass sie sich von den eigenen Verheißungen haben täuschen lassen, aber der Lobpreis des Internet als Verwirklichung einer alten Medienutopie (Teilnahme! Empfaenger senden!) war genauso unangebracht wie es die zur Zeit stattfindende Verdammung nun ist. Und auch dies können die Medien nutzen, um an einem Seitenarm des Skandals weiterzustricken, Entgegnungen werden verfasst („Nun mal halblang, Lobo“), auf die wiederum entgegnet werden kann. Vielleicht ist dies die eigentliche Leistung Edward Snowdens. Wir verdanken ihm das Ende des ewigen Singsangs vom Internet als einem Ort der Freiheit, das in den Augen der Enthusiasten endlich, endlich die Utopien Benjamins und Brechts Wirklichkeit werden liess – als “Demokratisierung von unten” (Brecht). Oder in der üblichen, selbst in manchen Universitäts-Curricula zu findenden Formel: ‘bottom up’ statt ‘top down’.

Bei genauerer Betrachtung scheinen die Medien einem Pofalla oder Friedrichs, die es im Gegensatz zu den ‚progressiven‘ Politikern nicht für nötig hielten, sich öffentlichkeitswirksam aufzuregen, vor allem mangelnde Cleverness vorzuwerfen. Dass Politiker lügen, dürfte jedem klar sein, denn nichts anderes gebietet die politische Klugheit, ein ehrlicher Politiker hätte seinen Beruf verfehlt, Merkel wäre längst nicht mehr an der Macht. Aber die Affäre für beendet zu erklären, wo die Massenmedien doch gerade erst Witterung aufgenommen hatten, ihnen also den Skandal ausreden zu wollen, auf den sie gerade alles setzten, das war schlicht und einfach dumm. Genau wie die Idee, einen Promotion-Besuch in den USA als strenges Kommando der Rüge auszugeben, obwohl die Machtverhältnisse kaum danach sind, dass ein der deutschen Allgemeinheit weitgehend unbekannter Repräsentant der deutschen Allgemeinheit das Empire USA zur Rechenschaft ziehen könnte.

Wir sollten nicht aus den Augen verlieren, dass die Massenmedien – genau wie die Politik – nur ein Spiel spielen. Das freilich läuft nach anderen Regeln ab als das der Politik, und genau das haben ein Pofalla und ein Friedrich nur rudimentär begriffen, zumindest agierten sie im Gegensatz zu einem Gabriel wenig professionell. Kunstvoll Nichtssagendes zu äußern ist ihre Sache offenbar nicht. Niemand beherrscht diese Kunst besser als der Dissimulator Obama, der mit seinen Äußerungen zur NSA auf bewundernswert schamlose und gleichzeitig charmante Art den ehrlichen (einfältigen) und besorgten Politiker spielte. Die Medien waren zwar einerseits mit der Ausbeute des Gesagten nicht wirklich zufrieden, wie auch, andererseits aber eben doch, denn die Professionalität der auf ihre Realität zugeschnittenen Darbietung ließ ihnen schlicht keine andere Wahl. Was Obama ihnen lieferte, war exakt das geforderte ‚So-geht-es-nicht-weiter‘, als eine perfekt formatierte Nichtigkeit. „Ja, wir streben die von euch geforderte Transparenz an, ich verspreche es, außerdem werden die Geheimdienste nicht mehr ganz so geheim vorgehen wie bisher. Und meine Freundin Angela Merkel wird nicht mehr abgehört.“ Ehrlicher kann man nicht lügen. Dazu genau die richtige Dosis ‘ehrliche Ehrlichkeit': „Wir machen weiter wie bisher.“

Was also bleibt vom ‚Skandal‘? Der naive Bürger weiß nun, dass Internetkommunikation nicht sicher ist. Alle anderen können dankbar für den spannenden Spionage-Thriller sein, den der Spiegel in seiner Titelstory präsentierte – herrlich grisham-esk mit „Das Nest“ überschrieben. Hinzu kommen einige Erkenntnisse über technische Machbarkeiten, über Fiberglass-Finessen und ähnliches. Wie hochkomplex eine “funktionierende Simplifikation” (Luhmann) wie das Internet doch sein kann! Aber die von den Massenmedien simplifizierte, aus Skandalen bestehende, von handelnden Personen dominierte Welt hat wenig mit der sogenannten Realität zu tun. Peter Fuchs hat in seinem Blog darauf hingewiesen, dass Geheimhaltung nicht erst seit gestern ein kunstvolles und unverzichtbares Mittel ist, „Staaten zu lenken, politische Führung zu ermöglichen und die Staatsraison zu sichern“. Mehr noch, die Stabilität des Staates hängt geradezu davon ab, dass die Machthaber nicht alles preisgeben, nicht habermasianisch die kommunikative Vernunft zur Staatsraison erklären, die – nie wurde es deutlicher als im Zusammenhang mit dieser Affäre – offenbar eine Art ‚Medienraison‘ darstellt, zum festen Bestandteil der Selbstbeobachtung der Massenmedien gehört. Soll Obama der New York Times oder dem Guardian erzählen, was er alles weiß und tut? Er würde sein eigenes Land massiv destabilisieren. Alles, was er vorhätte, könnte von seinen Widersachern von vornherein sabotiert werden, er würde nicht mehr agieren, sondern nur mehr reagieren. Niedlich daher die Verwirrung der Medien, als der ‚böse‘ Putin (weil Diktator) sie derart geschickt für seine eigenen Zwecke zu – habermasianisch formuliert – ‚instrumentalisieren‘ wußte. Sein Artikel in der New York Times kann durchaus eine Parodie auf die von den Massenmedien zelebrierte Wirklichkeit gelesen werden, denn zum demokratischen Spiel, weiß Spieler Putin, gehört vor allem die Idee, dass man miteinander spricht. Wobei es nicht wir, sondern die uns – ‚das Volk‘ – repräsentierenden Repräsentanten sind, die miteinander sprechen, und zwar stets im Hinblick auf eigene Macht- bzw. Karriere-Interessen, die als die der Allgemeinheit ausgegeben werden. Was aber wiederum nicht gesagt werden kann. Es ist sozusagen: geheim.

Person, Gewissen, Unperson

Kein Bewusstsein ist Person, ist Sozialstruktur. Aber Bewusstsein kann durch die Form Person supercodiert werden, die es dann möglich macht, auf die eine oder andere Seite dieser Form zu setzen, sich also so zu verhalten, dass die auf die Person bezogenen Verhaltenseinschränkungen entweder sozial konfirmiert werden – oder die Grenze zu kreuzen, die Chancen der Unperson zu genießen und die mit der Personalität verbundenen Zumutungen zurückzuweisen. Etwa jene Personen Spießer zu nennen, die auf korrekte Zitierweisen setzen, um stattdessen die sozial mögliche Konfirmation der Nonkonformität zu wählen und sich als schamloser Plagiator zu outen: “Die Nichtanerkennung der Eigentumsverhältnisse, die Abschaffung des Tauschprinzips kann nur durch den Diebstahl durchbrochen werden!”
Das Schema Person enthält also einerseits die Zumutung bestimmter Erwartungen und unterstellt andererseits eine Instanz, die den Erwartungen zuwiderhandeln kann – Bewusstsein, „freien Willen“. Doch die Freiheitsgrade sind sozial konditioniert. Es gibt kein Entkommen, keinen Ausbruch aus der Gesellschaft. Auch Kannibalismus ist nur eine Option unter anderen.
Dadurch, dass ein Name (Annette Schavan) oder eine Rolle (Ministerin für Bildung und Forschung) genannt wird, werden Erwartungen dirigiert. Personalität wird versachlicht und zugespitzt. Das kann mitunter dazu führen, dass man zu dem Wesen wird, das andere in einen hineinsehen, als das man in der Kommunikation erscheint. Rolle und Namen organisieren Irritabilität, erst sie machen klar, was zu erwarten gewesen wäre. Was erscheint, ist eine prinzipiell benennbare, durch Kommunikation erreichbare Umwelteinheit – ein Bündel kommunikativer Erwartungen, die insofern unsichtbhar sind, weil sie erst im Falle einer Abweichung vom Gewohnten, Erwarteten sichtbar werden.
Im normalen Leben erwartet man, dass die Ministerin für Bildung und Forschung beim Verfassen ihrer Doktorarbeit nach bestem Wissen und Gewissen gearbeitet und nicht ‚geschummelt‘ hat. Wobei hier alles abhängt von der sozialen Akzeptanz, die für eine bestimmte Performance beschafft werden kann. Wieviel Konformität, wieviel Devianz ist zu bestimmten Zeiten in der Wissenschaft plausibel und verkraftbar? Mittelalterliche Textgepflogenheiten können die Verteidiger Schavans kaum geltend machen. Auch die angeblich eher ‘laxen’ Zitierweisen der 70er Jahre nicht. Sie könnten indes, so Peter Fuchs, “hinweisen auf eine Phraseologie, die etwas anmahnt, was es bei Qualifikationsarbeiten sehr selten gibt: Nicht-Schummelei.”
Nun kann weder in der Politik noch im Leben alles erwartet werden. Die mit dieser Zuspitzung einhergehenden Strukturen sind daher immer selektiv, bestimmte Kommunikationen werden von vornherein ausgeschlossen. Die Gesellschaft verspricht sich von einem Rockstar andere Dinge als vom Vorstandsvorsitzenden einer Bank und vom Vorstandsvorsitzenden einer Bank wiederum andere Dinge als von einer Ministerin für Bildung und Forschung. Von Annette Schavan wiederum wurde eine individuelle Ausführung ihrer Minister-Rolle erwartet. Kennt man eine Ministerin für Bildung, kennt man alle? Eben nicht. Was erwartet man von Johanna Wanka? Jedenfalls nichts, durch das deutlich wird, was zu erwarten gewesen wäre, wenn man es erwartet hätte.

Die Person als ‘individuell attribuierte Einschränkung von Verhaltensmöglichkeiten’ ist also nicht denkbar ohne ihre Kehr-Seite, eine kommunikativ (noch!) nicht bekannte. Wird sie bekannt, bleibt einem nichts anderes übrig, als diese Einschränkung zu modifizieren. Ist man selbst betroffen, kommt womöglich erneut die eingangs beschriebene Selektionsstrategie zum Zug, die ein Selbstbild entwirft, das bestimmte soziale Adressierungen zurückweist: Das bin ich nicht, das bin nicht ich.

Anders verhält es sich im Falle der Erwartungen Gottes, die als Verlautbarungen einer externen internen Stimme ihren Niederschlag finden – als Gewissen. Man könnte vom eigentlichen im Unterschied zum uneigentlichen Sollen sprechen. Diese Forderungen lassen sich offenbar nicht so einfach zurückweisen. Auch von Atheisten oder Agnostikern nicht, in denen das Gewissen als Säkular-Variante Form annimmt (‘Über-Ich’).

Öffentliche Meinung

Was ist das eigentlich, öffentliche Meinung?

Jedenfalls kein eindeutig definierbarer Sachverhalt. Also ‘öffentliche Meinung’ ist kein Begriff. Nicht mehr!

War das denn mal anders?

Früher hat man darunter so eine Art kritische Instanz verstanden. Öffentliche Meinung als ein Medium der Aufklärung, das staatliches Handeln kontrolliert. Aber diese altliberale Idee findet heute kaum noch Anhänger.

Weil die Verhältnisse sich geändert haben.

Logisch. Und wenn man die altliberale Konzeption an diesen Verhältnissen misst, schneiden die natürlich ziemlich schlecht ab. Das ist auch kein Wunder. Resultate sind von einer unstrukturierten Öffentlichkeit kaum zu erwarten. Öffentlichkeit als eine Art kritischer Resonanzboden ist nur möglich, wenn sie strukturiert ist, und das heißt: durch Organisationen strukturiert ist.

So ungefähr stellt Habermas sich das doch vor: Öffentliche Meinung als kritische Publizität.

Schon, aber wie will man die öffentliche Meinung dann noch unterscheiden von organisierter Informationsverarbeitung?

Und wenn man sagt: Öffentliche Meinung ist … ein Aggregat … abfragbarer Eigenschaften … einzelner Personen?

Sehr schön. Ich würde eher versuchen, sie von ihrer Funktion her zu begreifen. Also nicht ontisch-qualitativ vorzugehen. Dann sieht man sofort, dass die Sozialordnung natürlich an der Vorselektion öffentlicher Themen beteiligt ist. Alle Ansichten und Einstellungen sind sozial mitbestimmt. Es hängt also nicht allein von irgendwelchen innerpsychischen Prozessen ab, wenn mehreren Menschen dasselbe Thema in den Sinn kommt. Persönlichkeitsstrukturen spielen eine Rolle, keine Frage. Auch die Erhaltung und ‘Verteidigung’ dieser Strukturen. Aber wenn wir diese Unterhaltung fortsetzen wollen, dann geht das nur, wenn wir uns über die Wahl und die Variation unseres Themas verständigen können, in diesem Fall des Themas ‘öffentliche Meinung’. Ohne dieses Mindestmaß an Konsens geht es nicht. Und dieser Konsens über akzeptierbare Themen kann natürlich nicht erst in der Situation geschaffen werden, in der wir zu sprechen beginnen.

Natürlich nicht.

Ach ja? Und warum nicht?

Weil er immer schon vorausgesetzt werden muss.

Genau. Zumindest in rudimentärer Form. Ansonsten hätte unser Gespräch gar nicht beginnen können. Du warst der Ansicht, dass öffentliche Meinung ein akzeptables Thema ist, ich genauso. Wir waren uns einig: Darüber kann man sich unterhalten. Und dann haben wir im Laufe des Gesprächs den Konsens getestet. Ihn verengt: indem wir uns geeinigt haben auf eine funktionale Bestimmung des Begriffs.

Wir ist gut. Und wenn ich ihn auf das Thema ‘Café Tricky’ ausdehne?

Würden andere vermutlich aussteigen. Oder nachfragen: Wie bitte, Café was? Allerdings kann ein Thema wie ‘Café Tricky’ ja institutionalisiert werden.

Das heißt?

Dass es ohne nähere Prüfung, vor allem ohne Kenntnis der Eigenarten des Gegenübers als normal erwartet wird. Ich könnte dann mit jedem so übers ‘Café Tricky’ sprechen wie mit dir. Keiner würde sich wundern: Wie bitte, was? Nicht nur die Tatsache, dass ich darüber spreche, würde dann als normal empfunden,  sondern auch die Erwartung selbst: Wetten, gleich kommt er aufs ‘Café Tricky’ zu sprechen! Rein theoretisch kann es als Thema – wie jede soziale Erwartung – instituitionalisiert werden. Dir ist klar, dass du dich nicht falsch verhältst, wenn du aufs ‘Café Tricky’ anspielst, und mir ist klar, dass dir das klar ist. Wenn das wiederum auch dem Fremden klar ist, der zufällig vorbeikommt, dann kann man von der Institutionalisierung des Themas sprechen.

Wie jetzt beim ‘System Wulff’.

Das ist ein gutes Beispiel für die Institutionalisierung eines Themas durch die Massenmedien. Wer damals über Wulff sprechen wollte, musste nicht erst begründen, warum er auf ihn zu sprechen kam. Das konnte vorausgesetzt werden. Genau das ist typisch für ein institutionalisiertes Thema. Wenn ich mit einem Fremden übers ‘Café Tricky’ sprechen will, muss ich die Initiative ergreifen, muss ihm meine Ansicht ausdrücklich und in verständlicher Ausführlichkeit darlegen – und vermutlich auch begründen, warum ich das jetzt tue: ausgerechnet über dieses Café  zu sprechen.

Das Thema muss institutionalisiert werden.

Ja, und solange das nicht passiert, wird man mir dieses Abweichen vom thematischen Konsens sozusagen in Rechnung stellen. Man rechnet mir diese Abweichung persönlich zu, was man nicht tun würde, wenn ich – sagen wir – auf Griechenland oder die Euro-Krise  zu sprechen käme. Und das zwingt mich zu einer Selbstdarstellung, die ich eigentlich lieber vermeiden würde.

Du musst dich engagieren. Und das willst du nicht.

Du etwa?

Klar!

Wer auf die Euro-Krise zu sprechen kommt, fällt nicht weiter auf. Wer aufs ‘Café Tricky’ zu sprechen kommt, schon eher.

Um so besser.

Wie du meinst. Aber du musst eben auch die Folgekosten tragen.

Was muss man denn da tragen?

Die Begründungslast. Insofern setzt so ein Vorstoß einen besonderen Motivdruck voraus. Ich will ja im Gegensatz zu dir im Gespräch nicht persönlich sichtbar werden. Vielleicht werde ich sogar abgelehnt, lächerlich gemacht, verachtet: Der schon wieder mit seinem ‘Café Tricky’! Das ist also nicht nur eine Benachteiligung in Sachen Lastenverteilung. Das wiegt schwerer.

Und wie geht so eine Themeninstitutionalisierung vor sich? Als eine Art Verhaltenszwang? Als Druck der öffentlichen Meinung?

So hat man das früher gesehen. Aber öffentliche Meinung heißt ja nicht, dass alle einer Meinung sind. Dass Einigkeit darüber herrscht, ob Sanktionen sinnvoll sind. Ob sich ein Thema als Motiv aufdrängt oder nicht. Auch der, der gegen den Strom anschwimmt, also dem Druck der öffentlichen Meinung nicht nachgibt, dem Druck der Bild-Zeitung standhält, hat heutzutage gute Chancen, ohne Sanktionen davonzukommen.

Hape Kerkeling!

Das ist ein gutes Beispiel. Seine Parteinahme für Wulff hat zwar alle erstaunt, aber geschadet hat sie ihm nicht. Er wurde persönlich sichtbar, das ja. Wer um seine Freundschaft zum Partymanager Manfred Schmidt weiß, dem war der Grund schnell klar – vielleicht hat Schmidt ihn ja sogar um diesen Gefallen gebeten. Aber das ist Spekulation. Man sollte den Institutionenbegriff jedenfalls nicht nur strukturell konzipieren. So hat das die ältere Lehre von der öffentlichen Meinung gemacht: den Institutionenbegriff antiinstitutionell verstanden. Als kritische Instanz begriffen. Deshalb konnte man die Funktion der öffentlichen Meinung nicht erkennen: die Institutionalisierung von Themen. Am Grad der Konformität von Themenwahlen und Ansichten allein lässt sich diese Funktion kaum ablesen.

Und welches Problem löst diese Institutionalisierung?

Welches wohl.

Keine Ahnung.

Sie reduziert Komplexität. Weil man davon ausgehen kann, dass die Wahl des Themas und die Prämissen dieser Wahl durch Konsens gedeckt sind. Wie gesagt, jede Kommunikation muss konsentierte Prämissen voraussetzen, anders geht es nicht. Selbst Abweichungen wie Pädophilie oder Holocaustleugnung können nur mitgeteilt werden in einer intersubjektiv konstituierten Welt, die im übrigen unangetastet bleibt.

Hat denn jede Themenwahl Prämissen?

Anders geht es nicht. Es kann ja nicht alles zugleich Thema werden. Jede Themenwahl hat bestimmte  Voraussetzungen zur Grundlage, die nicht mitthematisiert werden. Deshalb kann auch nicht der gesamte Konsens auf einmal problematisiert werden. Der ist nötig, ja, aber er wird nicht durch Kommunikation festgestellt. Er musss durch Institutionalisierung abgedeckt werden. Insofern korreliert der Begriff der Prämisse mit dem der Institutionalisierung.

Verstehe. Institutionalisierung verhindert also nicht, dass ich die Konsensfrage stelle. Aber sie zu stellen, kostet Zeit.

Du sagst es.