political-communication

Place: International University Centre (IUC), Dubrovnik, Croatia

Address: Don Frana Bulicá 4 HR – 20000 Dubrovnik, Croatia

Dates: May 29th –31th, 2019

Theme: The conference committee invites contributions, which analyse and discuss political communication based on Niklas Luhmann’s perspective on systems theory. The overall theme of the conference is to promote a better understanding of how political communication codes various areas of contemporary society.

We welcome contributions from scholars who practice and study political communication at all levels of society. The conference is relevant for theoretical and empirical studies in politics, aesthetics, sociology, theology, history, economics, health, psychology, ecology and organization. Contributions are not limited to studies focusing solely on political systems, but may also include politically coded communication in other areas of society. Analytically, systems theory is empirically open. As it turns out, new semantics, different codes, and changing forms transform and develop structures at varying and opposed levels. As such, contributions could, for example, focus on how the media of power is formed; how the code government/opposition informs communication; how double contingency is handled within politically coded communication; which paradoxes emerge in conjunction with political coding and how they unfold. The conference aims to gather scholars working with theoretical and methodological clarifications, as well as empirical studies. Furthermore, contributions are welcome that compare or combine system analysis with other forms of analysis or aim at developing systems theory by including thoughts from other traditions (e.g. Foucault, Bourdieu, Deleuze, analysis of discourse, ANT, STS).

Abstracts of no more than 400 – 800 words should be send to the conference organisers by March 1, 2019 – full papers should be circulated prior to the conference.

Course directors:

Klaus Laursen, Aarhus University, Denmark klausb.laursen@mgmt.au.dk

Steffen Roth, La Rochelle Business School/Yerevan State University, France strot@me.com

Markus Heidingsfelder, Xiamen University Malaysia, markus.heidingsfelder@xmu.edu.my

Gorm Harste, Aarhus University, Denmark

Gina Atzeni, Ludwig Maximilians University of Munich, Germany

Trump wird gern als taktlos beschrieben, was in den Massenmedien als Defizit angesehen wird. Doch was genau ist das, über das er offenbar nicht verfügt? Genauer gefragt: Wie läßt sich ‘Takt’ operationalisieren?

Jedes Routinehandeln kann als taktlos angesehen werden. Es ist geradezu ein Musterfall taktlosen Verhaltens. Denn Takt besteht darin, sein Gegenüber “nach Maßgabe seiner eigenen Selbstdarstellung zu behandeln” (Luhmann 1999: 233). Aus dieser Perspektive wird deutlich, dass nicht nur Trump taktlos handelt, sondern auch die Massenmedien, die ihm Taktlosigkeit vorwerfen. Sie behandeln ihn nicht gemäß seiner Selbstdarstellung als ‘stable mental genius’ (wobei dieser Satz wiederum eine Reaktion auf das Buch von Michael Wolff darstellt, eine enorme Taktlosigkeit), sondern als ‘Idioten’. Zwar wahren selbst die von Trump zu Gegnern stilisierten, traditionellen Zeitungshäuser wie die New York Times oder die Washington Post mehr oder weniger die Form und lassen Taktlosigkeiten nur in den dafür vorgesehenen Meinungsrubriken zu. 

Doch genau diese Rubriken erlauben es, die Taktlosigkeit als eigene Form zu kultivieren. Sie tritt allerdings nicht als solche auf, sondern tarnt sich als rationale, gar objektive Stellungnahme. Taktlosigkeit ist also nicht nur eine Frage des Stils. Man kann auch stilvoll taktlos sein – sofern man nicht gewillt ist, dem anderen seine Selbstdarstellung abzukaufen. Dabei geht es gar nicht darum, ob diese gelingt oder nicht, ob sie glaubhaft ist oder Bruchstellen aufweist oder sich – wie im Falle von Trump – gleich selbst dementiert. Es geht allein darum, sein Gegenüber im Hinblick auf die eigene Darstellung zu schonen: “Takt verlangt, dass man den anderen so behandelt, wie er erscheinen möchte, und ihm hilft, einen guten Eindruck zu machen.” (Luhmann 1999: 359)

Aber warum sollte man das tun? Ganz einfach: weil man an einer Fortführung des Kon-Takts interessiert ist. Taktvolles Verhalten tritt deshalb vor allem in Interaktionssituationen auf. Das erklärt, warum die Massenmedien – es sei denn sie übertragen ein Gespräch, also eine Interaktion – weitgehend auf Takt verzichten können. Ist ein Sender an einer Fortführung des Kontaktes interessiert – im Falle von Fox: an einem guten Verhältnis zu Trump – kommt wiederum Takt zum Zuge.

Trumps via Twitter verbreitete Taktlosigkeiten gegenüber Jeff Sessions signalisierten also nicht zuletzt ein Desinteresse an der Fortführung des Kontakts, was von den meisten Beobachtern genau so interpretiert und durch dessen Entlassung schließlich auch verifiziert wurde. Sessions’ Antwort forderte von Trump, ihn gemäß seiner Selbstdarstellung als treuen Staatsdiener zu achten (was insofern problematisch war, weil er damit implizit darauf hinwies, dass er kein ‘Trump guy’ ist; wohl wissend, dass Trump genau das von ihm erwartete). Zu taktvollem Verhalten gehört aber auch, dass man sich mit der eigenen Selbstdarstellung zurückhält. Hier tut sich Trump als besonders taktlos hervor. 

Allerdings ist Takt alles andere als eine leichte Übung: er muß rasch, intuitiv erfolgen und erfordert darüber hinaus ein Feingefühl, dass Trump offenbar nicht besitzt. Zu seinen Gunsten sei jedoch gesagt, dass vor allem der Aufrichtige Schwierigkeiten in Taktfragen hat. (Vgl. Luhmann 1999: 359) Ist Trump also schlicht zu aufrichtig? Da er in einem fort die Unwahrheit sagt, zumindest wenn man den ‘fact checkern’ der Massenmedien Glauben schenkt, scheint letzteres nicht zuzutreffen. (Die Washington Post hat sich aufgrund der Vielzahl der Trump’schen Lügen gar bemüßigt gesehen, eine neue Kategorie einzuführen: den “bottomless Pinocchio”.) Es scheint eher um die Aufrechterhaltung des Images eines aufrichtigen bzw. authentischen Präsidenten zu gehen – eines nicht-politischen Präsidenten, der sich im Gegensatz zum professionellen Politiker nicht in der Kunst der Verstellung übt, sondern ‘unverblümt’ sagt, was ihm in den Sinn kommt: “He’s no paragon of deceit, which requires more plotting, patience and discipline than he could ever muster. He’s a geyser of revelations, and in terms of the transparency with which he shows us the most eccentric and ugliest parts of himself, he’s the most honest president in my lifetime.” (Bruni 2018) Das Paradox besteht darin, dass er ausgerechnet mittels seiner Ausfälle (‘lashing-out’) Tugendhaftigkeit für sich beansprucht. Und tatsächlich macht sein Vorbild – seine gleichsam vorbildliche, tüchtige, erfrischende Taktlosigkeit – in den USA zur Zeit Schule. 

Doch der eigentliche Grund für Trumps Problem mit dieser “Doppelgleisigkeit” (Luhmann) ist seine ‘Eingleisigkeit’, seine – gleichsam fanatische – Überzeugung, dass es für alle Fälle richtige Situationsauslegungen gibt. “That is probably the worst thing about him – his certainty. That all he knows is all anybody ever need to know.” (Bill Maher) Die Welt des Taktes muss ihm aus dieser Perspektive notwendig wie eine unwirkliche Scheinwelt vorkommen. (Vgl. Luhmann 1999: 359). Diese Vorstellung hängt eng mit seiner Ablehnung der üblichen politischen Umgangsformen inklusive der politischen Rhetorik und der politischen Notwendigkeit der Verstellung zusammen, die professionelle Politiker im Laufe der Zeit lernen. Aus Sicht der Massenmedien ist er schlicht nicht in der Lage, sich zu verstellen, es übersteigt seine kognitiven Kapazitäten: “It’s not merely that this emperor has no clothes. This emperor has no camouflage, at least none that’s consistent and effective.” (Bruni 2018) Trump ignoriert die Funktion des Taktes, weil es ihm nicht um die Vermittlung von Selbstdarstellung und das Interesse des Sozialsystems an der Fortsetzung des Kontakts geht – sondern gleichsam um Selbstdarstellung um jeden Preis.

Auch wenn die Vertreter der Massenmedien in Interaktionssituationen wie den Pressekonferenzen im Weißen Haus den Repräsentanten weitgehend ihre Würde lassen (nicht zuletzt, um künftig ob mangelnden Taktes nicht von ihnen ausgeschlossen zu werden, wie es Jim Acosta widerfuhr). Doch sobald inkonsistente Fakten sichtbar werden, sind sie nicht mehr an “as if arrangements” (Burns 1953) oder “polite fictions” (auch) interessiert, sondern im Gegenteil daran, Widersprüche des Verhaltens aufzudecken, also Trumps Taktlosigkeiten mit Taktlosigkeiten zu begegnen. Auch hier können sie dem Präsidenten, der sie tagtäglich damit beliefert, dankbar sein. 

Takt läßt sich nicht formalisieren, wird also mit Hilfe informaler Normen institutionalisiert, mit Hilfe von Kollegialität und Freundlichkeit. “Wer taktlos und unfreundlich handelt, fällt auf.” (Luhmann) (1999: 362) Da genau das in der Absicht Trumps liegt, kommt es ihm entgegen. Die ‘gute Erziehung’, die eine Sally Yates genossen hat, verbietet es ihr, auf Trumps Attacken einzugehen: “I am not going to dignify that with an answer.” Obwohl einer höheren Gesellschaftsschicht entstammend, legt Trump keinen Wert darauf, diesen Status in seinem Verhalten zum Ausdruck zu bringen – womöglich auch um der Darstellung von ‘Volksnähe’ willen. Doch seine Impulsivität, seine mangelnde Wartefähigkeit und Unkontrolliertheit des Ausdrucks scheinen nicht Ausdruck einer wie immer gearteten Taktik zu sein. In der Regel wirken diese verwandten Einstellungen taktstabilisierend, im Falle von Trump stabilisiert ihr Fehlen die Taktlosigkeit. Auch seine via Twitter beglaubigte Unfähigkeit, sich an weiten Zeithorizonten zu orientieren, gehört hierher.

Gerade im Rahmen kollegial-kooperativer oder organisatorischer Arbeitszusammenhänge wird die Individualität der beteiligten Personen ‘herabgedimmt’. Sie ist hier eher hinderlich, denn sie wird schlicht nicht benötigt und deshalb auch kaum honoriert. Der Finanzbeamte, der uns gegenüber seine Individualität herausstellt, wird uns eher skeptisch machen; genau wie der Kollege, der ständig seine Vorliebe für das Werk von Frank Zappa kundtut, anstatt sich auf die Sachaufgabe zu konzentrieren. Takt gebietet uns dann, darüber hinwegzusehen. In der Regel stellt sich unser Gegenüber aber auf diese Grenzen der individuellen Selbstdarstellung ein. Im Falle Trumps können damit weder Parteigenossen, andere Staatsmänner- und frauen noch seine eigene Untergebenen rechnen.

Illustration: Hammad Siddiqui, Trump Structure (2018)