postkarte f.j. degenhardt

 

Lieber Herr Heidingsfelder,

las gerade mit großem Vergnügen Ihre Rezension von Biermanns Düsseldorfer Poetik-Lesungen. Sie wissen ja, wie wenig ich den Kerl ausstehen kann.

Herzliche Grüße, Franz Josef Degenhardt

 

postkarte f.j. degenhardt

 

Lieber Herr Heidingsfelder,

nach unserem letzten Telefonat habe ich mir noch einmal „Geht’s nicht auch so?“ angehört. Was ich – peut-etre (!) – ausdrücke, ist: Genießen (Hedonismus) pur und nur gelingt nicht – nicht mal für’n Genuß. Das umgekehrt Ungenießbare klingt und dröhnt immer mit. Aber Interpretationen des Autors sind auch nicht besser als die eigenen!

F.J. Degenhardt

88 Jahre Peter Thomas

Herzlichen Glückwunsch zum 88. Geburtstag, lieber Peter!

Danke, danke.

Wenn Du Dich selbst beschreiben müsstest: Wer ist Peter Thomas?

Hm, schwierig. Vielleicht so: Professionell. In der Not hilfsbereit. Insgesamt ok, eigentlich ganz nett. Spielt gerne ein schönes Entertainment-Piano, so wie man es “früher” in den Five Stars-Superhotels hören konnte. Aber besser Du fragst meine liebe Frau.

ALT

Wo macht Dein müder alter Körper noch mit – und wo sagt er: Entschuldigung, das geht nicht mehr?

Meinst Du hochgerechnet im Vergleich zu Dir? Anbei ein Foto, aufgenommen in den Iden des März am Fuße einer Treppe in Lugano. Wie Du siehst: Ist alles netto noch paletti. Wenn auch das Steigen dieser Treppe nicht mehr wie früher im Allegro-Tempo geht, sondern nur mehr andante. Immerhin: ohne Stock! Lass es mich so sagen: Ich bewege mich festen Schritts im Takt der Jahreszeiten.

Musst Du jeden Tag Tabletten nehmen?

Keine. Aber Cordy, meine viel bessere Hälfte seit 52 Jahren, fordert von mir, dass ich jeden Tag 2 Liter Wasser trinke. Ich sei wie eine Pflanze. Also wässere ich mich. Aber ein halber Liter muss genügen. Ich folge dem Gebot nur zögerlich.

Ist man im Alter gelassener?

Gelassenheit, was ist das?

Das Gegenteil von Aufgeregtheit, Nervosität. Die Fähigkeit …

Schon gut. Also gelassen: bin ich vielleicht, besonnen: eher nicht. Realisiert habe ich eine Menge – und wenn ich zufällig alte Sachen von mir höre, stelle ich fest, dass ich nicht eine Note ändern würde. Da ist vielleicht eine gewisse Überheblichkeit im Spiel, aber ich empfinde es nun einmal so.

Was ist das Tolle am Alter? Und was ist das Schlimme daran?

Das Tolle ist, dass man eine gewisse Güte im Arsch hat. Pardon me. Was das Schlimme daran ist? Frag mich später nochmal. Ich danke jeden Morgen dem lieben Gott, dass er mich aufwachen lässt. Trotz des müden alten Körpers, wie Du so nett detaillierst. Schließlich ist das Zu-Bett-Gehen immer auch ein Abtauchen ins Nirvana. Mich beschleicht da jedes Mal so eine Art Endgefühl: Das könnte es gewesen sein. Schlaf als Wagnis. Dessen sollte man sich immer bewusst sein. Darum jeden Morgen: Große Freude, dass ich noch da bin. Vor allem darüber, dass meine liebe Cordy neben mir liegt. Danach begrüsst mich unser kleiner Figaro, Engländer von Beruf, unser Yorkshire-Terrier. Dann schaue ich auf den Ruhe ausstrahlenden Lago di Lugano und präludiere auf den mir zur Verfügung stehenden 88 Tasten.

Wurdest Du eigentlich in den letzten Jahren einmal operiert? Oder musstest Dich sonst einem Eingriff unterziehen?

Ist das hier ein Formular für Testpiloten oder Krokodilpädagogen? Als ich noch ganz jung war an Jahren, wurde mir in Berlin der Blinddarm entfernt. Im Martin Luther-Krankenhaus, weil ich doch evangelisch bin. Als den von Dir befragten “Eingriff” könnte ich benennen: einen Durchschuss durchs linke Ellenbogengelenk. Das war in Aachen 1943. Den Herrn aus Amerika, der schoss, kannte ich nicht. Er mich auch nicht. Glücklicherweise blieb nichts zurück.

Was rätst Du den jungen Leuten von heute?

Lernen, lernen, lernen. Nicht nur Berufsbedingtes, nein: Rundum sich bilden, sich nichts einbilden, aber eben allgemein bilden. Und bei allem Wissen nie vergessen: dass wir eigentlich nichts wissen.

Kann man Jüngeren überhaupt irgendeine Lebenslehre oder etwas ähnliches weitergeben?

Klar. Wie es Martin Luther sagte: Jeden Tag ein Bäumchen pflanzen.

Wie gehst Du mit dem Gedanken an den Tod um? Verdrängst Du den? So würde ich Dich einschätzen …

Trotz meiner Verdrängung – da hast Du recht – habe ich mir aufgrund einer Cordy-Bitte von Schopenhauer das kleine Buch “Über den Tod”
einverleibt. Aber hallo! Jedes Kapitel ist genial geschrieben, alles wunderbar beschrieben – aber da bekomme ich Depressionen im tiefsten
Minus-Minus-Moll. Ohne jeglichen Kirchentonartenbezug. Ich als Christ warte, bis ich gerufen werde.

FRÜHER/HEUTE

Deine Mutter hat dich schon mit fünf gezwungen, jeden Tag Klavier zu üben, stimmt das?

Mit fünfeinhalb, ja – und ich bin ihr unendlich dankbar dafür.

Was hast Du geübt?

Was mir der Opa wöchentlich aufgegeben hat. Er war der Kapellmeister des IV. Garderegiments zu Fuss, das zu Olims Zeiten täglich um elf Uhr zur Wache durch das Brandenburger Tor aufzog. Daher kommt meine Liebe zur Blasmusik.

Wie hast Du die Nachkriegszeit empfunden?

Als einen Neustart. Die Amis, wie wir sie nannten, waren die Steigbügelhalter. Dass wir uns trotz des verlorenen Krieges neu gestalten konnten, verdanken wir ihnen. Das sollte nie vergessen werden.

Was sind die größten Unterschiede, wenn man heute mit den 50er Jahren vergleicht?

Junge, das sind ja Fragen der Wahrheitsfindung “of the third kind”. Vom Glück des Überlebens, gepaart mit dem Willen, dem Wollen und dem Können des anständigen Deutschen, war die Stunde Null das erste Zeichen der Demokratie – wie ein Licht, ein kleines, flackerndes am Ende eines Tunnels. Der Wiederaufbau gelang. Deutschland kam aus dem Tunnel wieder ins Freie. Demokratie ist für mich nicht nur ein Wort, aber … es geht uns gut, zu gut, viel zu gut. Ein bisschen mehr Bescheidenheit, wieder ein bisschen mehr aufeinander hören, das wärs. Plus Vertrauen und Respekt. Und das von Kindesbeinen an.

Googelst Du Dich selbst?

Mitunter. Ich nenne es das internetale Wissen. Wenn ich mich da reinklicke, also zum Beispiel Peter Thomas-Musik eingebe … das ist für mich unbegreiflich, wieviele Einträge sich da finden. Was sind das für Leute, die sich damit befassen, wem nutzt es? Ich werde das nicht lesen, das geht auch gar nicht, es sind einige Millionen Einträge.

Siehst Du fern?

Ja, gestern habe ich zum Beispiel diesen traurigen Film gesehen, mit Jessica Schwarz als Romy – tollo! Da war auch Harry Meyen zu sehen, der damals wohl beste Boulvardregisseur Berlins, wenn nicht Deutschlands. Ich Trottel … weil ich den so gut fand, dachte ich: Der kann doch bestimmt auch ein Musical in Szene setzen. Also haben wir damals – das muss so gegen Ende der 50er gewesen sein – zusammen mit Klaus Wüsthoff für den SFB “Der Schuster von Palermo” produziert. Alles mit großem Gesang und großem Orchester, wunderbar von uns erdacht und von der Crème de la crème der Berliner Schauspieler gespielt, gesungen und getanzt. Rudi Greske war der Ballettmeister, am Regiepult saß Bublitz, ein Mann der ersten TV-Stunde …

Geske, Bublitz, Wüsthoff – klangvolle Namen aus einer fernen, längst versunkenen Welt …

Aber den Kameramann kennst Du bestimmt noch: Truk Branss!

Klar. Die ZDF-Hitaparade. Hieß der wirklich so?

Nein, von Haus aus hieß er mit Vornamen Kurt. Ein hochbegabter Mann.

Und wie geht die Geschichte aus? So wie Du das gerade aufbaust, muss es am Ende eine Riesen-Katastrophe gewesen sein …

So einen Spannungsbogen seid Ihr jungen Leute nicht mehr gewöhnt, was? Also, der Knüller war: Ab der ersten Probe verbat sich Meyen, Musik ertönen zu lassen.

Bei einem Musical?

Das war ja das Verrückte! Er sei bekannt für seine Inszenierungen am Theater, und Musik störe nur bei den Proben. Die war erst in den Hauptproben erlaubt, und das auch nur, weil ich das höheren Orts durchgesetzt hatte. An das Ergebnis kann ich mich allerdings nicht mehr erinnern. Meine Festplatte ist diesbezüglich gelöscht. Als ich jetzt den Romy-Film sah, fiel mir die Geschichte wieder ein. Da ist ja von Meyens Flops an der Hamburger Staatsoper die Rede – tja, hätte der Intendant von meinem Musical mit Harry gewußt, hätte er sich das ersparen können. Fazit: Wer nicht in C-Dur “Hänschen klein” spielen kann, sollte nie ein Konzert auf schwarzen Tasten geben.

ANDERE

Welche berühmten Musiker hast Du getroffen – und wer hat Dich am meisten beeindruckt und warum?

Herbert von Karajan in St. Tropez. Ein begnadeter Dirigator, ein voll in der Musik aufgehendes Genie. Alle Komponisten, denen sich Herbert von Karajan widmete, werden ihm im Musikerhimmel dankbar und ehrfürchtig die Hände schütteln, weil durch ihn, den Maestro, den Werken das höchste Maß an Authentizität zuteil wurde.

Dass der Schöpfer des New Astronautic Sound den von allen irdischen Schlacken gereinigten Sound eines Karajan schätzt, hätte ich mir eigentlich denken können. Aber Authentizität …

Nein, nein, das war und ist die Vollendung in höchster Potenz. Die Partituren wurden durch ihn geadelt und veredelt für die Ewigkeit.

Wer noch?

Leonard Bernstein in Paris. Ein Edelstein als Dirigent. Der seine Musikanten über alles liebte und mit seinen Bewegungen – dem Dirigat – zur höchstbestmöglichen Interpretation führte. Und der außerdem ein wunderbarer Komponist moderner, aber verständlicher Musik war.

Welche anderen Filmkomponisten schätzt Du und warum? Was ist z.B. von Hans Zimmer zu halten?

Allen voran: Mancini. Aber eigentlich müsste man auch Gershwin nennen, das ist für mich ein Filmkomponist – wenn auch der ganz besonderen Art. Denk nur an Rhapsody in Blue oder Ein Amerikaner in Paris, die einen Film optisch im Kopf des Hörenden entstehen lassen … Zimmer ist in personam eine kongeniale, neue, heutige Form der Filmmusik-Erstellung.

Mr. Sachs hat sich erschossen. Was hast Du gedacht, als Du es gehört hast?

Mir hat das sehr wehgetan, aber ich respektiere diese Entscheidung. Gunter Sachs ist, war und bleibt: eine einmalige, epochale Persönlichkeit.
Mit vielen Faszetten – von faszinosum. Ein großer Kunstkenner und Mäzen, ein stilbildender Fotograf der allerobersten Liga und ein genialer Kreativ-Filmer. Ich bin sehr dankbar, dass ich für ihn diverse Filmmusiken schreiben konnte, Happening in White zum Beispiel … Wir kannten einander 45 Jahre und unsere Wege kreuzten sich mehrfach – und das war immer eine sehr freundschaftliche Begegnung.

Du warst der Erste, der einen Titel mit Donna Summer aufgenommen hat …

“Black Power”, ja – mit einem Text von Cordy. Damals ging das gerade erst los mit der schwarzen Bürgerrechtsbewegung, das war sehr vorausschauend von ihr. Das ist wieder so eine Peter Thomas-Story, Donna war ja Musical-Sängerin, als sie zu mir kam. Damals hieß sie noch Donna Gaynes – und keiner wollte sie haben. Nach mir hat dann Moroder sie “übernommen” und dann kam der Welterfolg. Ich hatte das vollkommen vergessen, bis mich die Nachricht von ihrem Tod erreichte.

Und wie war sie so?

Lieb. Gut zu handlen. Irre jung. Schwarz! Und ganz anders in voice und Geste als die sonst so herumschwirrenden Blondchen.

Zwei Worte zu Moroder …

Den habe ich nur ein einziges Mal getroffen. Ich weiß nur noch, wie er komponierte: auf einem Stylophon, auf dem Fußboden liegend.

POLITIK

Welche Gesellschaftsform findest Du adäquat?

Gegengefragt: Adäquat? Auf alle Fälle nicht eine Form, in der jeder eine Lebensgrundhonorierung erhält – egal ob er arbeitet oder nicht.

Was würdest Du ändern, wenn Du König von Deutschland wärst?

Für die, die aus der Kirche ausgetreten sind bzw. sich als überzeugte Atheisten geben, erlasse ich an dem Tag, an dem ich gekrönt werde, folgendes Gesetz: dass diese Personengruppen keinen Anspruch mehr haben, religiöse Feiertage für sich zu nutzen. Weihnachtszeit, 1.und 2. Feiertag, Ostern, Pfingsten, auch Himmelfahrt – da kommt beim Fiskus Freude auf. Die Produktion bei VW und Mercedes, bei der Pharmaindustrie und so weiter könnte um ein Vielfaches gesteigert werden. Das alles si j’étais roi – übrigens ursprünglich der Titel einer komischen Oper von Adolph Adam.

Du hast einmal gesagt: In allen Musiksparten sei das Ende der Kletterstange erreicht. Eine schöne Formulierung, die die ganze
Postmodernismus-Debatte auf den Punkt bringt. Wenn das Ende erreicht ist – wie geht es dann aber von hier aus weiter?

Zunächst müsste man – wenn man will, dass sich etwas ändert – den Strom teurer machen. Strom at home nur noch zwei bis drei Stunden täglich. Fazit: Keine electronic instruments laufen mehr, keine Playbacks mit gut klingenden Chören, die schlecht singende, aber hübsche Stars accompagnieren … Und dann: wird die alte Zupfgitarre wieder rausgeholt. Und das Klavier bekommt einen neuen Stellenwert! Heute hat es ja nur noch einen Stellwert, man stellt es wertfrei an irgendeine Wand. Die Leute haben vergessen, welche Glücksgefühle entstehen können, wenn man mit den eigenen Händen kleine Melodien erzeugt. Das wäre doch schön – wenn man zur Basis des Musikmachens zurückkehren würde. Am liebsten natürlich ohne Stromsperre.

GRUNDSÄTZLICHES

Was ist Musik?

Das, was dich nie enttäuscht.

Es gibt unentscheidbare Fragen, die nur wir entscheiden können. Bitte entscheide Dich: Ist das Universum unendlich oder hört es irgendwo auf?

Es ist unendlich, sonst würde es ja irgendwo aufhören.

Hat das Leben einen Sinn? Welchen?

Es muss einen Sinn haben. Und sei es der, dass du mich nach seinem Sinn fragen kannst. Ich überlasse das Texten ja normaliter meiner Frau, aber dazu habe ich einmal etwas geschrieben:

WER WEISS SCHON, WER ER IST,
DASS ER GLAUBT, DASS ER SEI,
WER ER IST, WAS ER IST,
WO ER IST, WARUM ER IST.
DAS IST DIE FRAGE ALLER FRAGEN.

Welche Drogen hast Du – jenseits vom Alkohol – genommen?

Keine. Musik ist für mich Droge genug. Jenseits vom Alkohol ist übrigens gut – ich trinke seit zehn Jahren keinen Tropfen mehr. Nach dem Motto: Jugend ist Trunkenheit ohne Wein. Aber im Jenseits: Nobody knows. Vielleicht genehmige ich mir da ja wieder ein Gläschen.

Zum Schluss noch ein paar Entweder-Oder-Fragen. Mozart oder Beethoven?

Mozart.

Kapitalismus oder Sozialismus?

Kapitalismus.

Katholizismus oder Buddhismus?

Protestantismus.

Du weißt aber schon, dass Du dann nicht in den Himmel kommst …

Sagen die Katholiken.

Dur oder Moll?

Und!

Beatles oder Stones?

Beatles.

Lennon oder McCartney?

Le – non: but yes.

Als man Loriot gefragt hat, was auf seinem Grabstein stehen soll, sagte der: Mein Name wäre ja schon einmal nicht schlecht. Was soll auf Deinem stehn?

Musik: Peter Thomas.

Gut unendlich

(Bild: Christian Hellmich)

An Minimal Techno lässt sich studieren, dass auch die Wiederholung ein- und derselben Sequenz den Hörer zu fesseln vermag. Es tut sich nichts – und genau deshalb tut sich etwas. Und genau deshalb tut sich etwas. Und genau deshalb tut sich etwas. Die Kontinuität des Immergleichen sorgt für eine kontinuierliche Steigerung. Indem der Rhythmus in sich selbst zurückläuft, führt er vor, dass selbst die exakte Wiederholung nie auf dasselbe trifft, weil das, was wiederholt wird, sich nicht an derselben Zeitstelle wiederholt. Nicht die Zeit selbst wird ja reversibel. Der Effekt: “Je öfter man ihn hört, desto besser wird er.« (Jeff Mills) Eine Art Phasenverschiebung, eine strukturelle Rück-Kopplung, nur dass sich diese Selbsterregung nicht der Kopplung von Lautsprecher und Mikrofon, sondern der Verkettung einer Sequenz mit sich selbst verdankt, biting its tail, die wiederum mit dem Bewusstsein gekoppelt wird.

In die Verkettung des Immergleichen projiziert das Bewusstsein Veränderung, wenn man so will: Seele. Der Loop nimmt ein Selbst an, Invarianz kippt in Varianz, Zeitresistenz vermag sich der Zeit nicht mehr zu widersetzen. Was emergiert, ist eine neue Stabilität.

Die veränderte Wahrnehmung eines sich nicht verändernden, identisch reproduzierten Musters informiert uns über die Gesetzmäßigkeiten unserer Wahrnehmung, die Identitäten erst konstruiert. Minimal Techno realisiert einen Sonderfall der sensorischen Deprivation: die Reizung mit dem immerselben Reiz sorgt für einen imaginären, geisterhaften, unheimlichen Groove. Bewusstsein scheint nicht anders zu können, als Bewegung und ein Geschehen dort zu halluzinieren, wo die Statik der Wiederholung für Stille sorgt: sei es ein »Temsys«, das sich irgendwann einstellt, wenn das Wort System regelmäßig wiederholt wird, sei es die als Verstärkung oder Intensivierung des Grooves empfundene Differenz, die sich in die Iteration eines identischen Samples schiebt. Es überlagern sich zwei Schaltkreise: die Wiederholung eines Samples – und die Wieder-Holung der autopioetischen Reproduktion des Bewusstseins, deren Vergegenwärtigung. Das Bewusstsein hört dasselbe, wird also durch die immergleiche Fremdreferenz, das immergleiche Sample besetzt, während es sich reproduziert. Nur dass diese Reproduktion anderen Gesetzen folgt – Autopoiesis ist kein Loop. Sie »flimmert« nicht, realisiert keine schlechte Unendlichkeit. Andernfalls wäre für das Bewusstsein weder Zeit noch Umwelt relevant. Luhmann: »Erst die Zeitdifferenz, erst die rekursive Organisation von Andersheiten […] in der Zeit, bringt ein System dazu, intern zwischen Selbstreferenz und Fremdreferenz zu unterscheiden.«

Die Differenz in der Wiederholung verdankt sich der Eigenzeit des Bewusstseins, es wieder-holt das Wiederholte und produziert so Sinn. Was rekursiv organisiert wird, ist dasselbe – immer anders. Viele Minimal Techno-Platten erweisen sich allerdings als zu monoton, das Immergleiche bleibt immer gleich, der Zirkel wird nicht produktiv. den Ausschnitten fehlt der ›Drive‹, die Potentialität einer das Bewusstsein fesselnden Relationsstruktur. Im Loop muss genug Differenz stecken, um die Identität in der Schwebe halten zu können, er muss eine interne Asymmetrisierung aufweisen. Nur dann erweist sich dasselbe als anders, lässt sich die innere Leere des Zirkels füllen und das erwünschte Phänomen provozieren. Nur dann hat die Wiederholung einen Doppeleffekt: einerseits schafft und kondensiert der Rhythmus Identität, die Wiederholung wird als Wiederholung erkannt, andererseits konfirmiert er Differenz – und das schon, weil das Erkennen später geschieht. Dadurch kommt es zu einer Anreicherung von Sinn. Noch einmal Jeff Mills: »Da die Musik sich nicht ändert und weil du weißt, dass sie sich nicht ändert, wirst du entspannter. Du erkennst den Rhythmus und kannst deinen Körper wesentlich besser dazu bewegen.«

Durch die Rhythmen wird die Fähigkeit zur Selbstreferenz so zeitweise eingezogen. Der Beat ›enticht‹, bewirkt psychische Absencen, was bis hin zu tranceähnlichen Zuständen gehen kann. Es ist die Wiederholung, so Roland Barthes, die zur Wollust führt: »bis zum Exzeß wiederholen, das heißt, sich verlieren, in das Nichts des Signifikats eingehen«. Trance ist ein Effekt dieser Wiederholung  immergleicher Andersheiten, die sich nur deshalb an die Stelle der autopoietischen Reproduktion setzen können, weil diese Reproduktion sich dem Zeitmodus des Bewusstseins zumindest stellenweise angleicht, also entweder Variationen einzieht – so die Differenz schon in der Selbigkeit des Samples steckt –, oder selbst Variationen appräsentiert, sprich: die Differenz für das Bewusstsein vor-produziert.

Um sich an die Stelle der autopoietischen Reproduktion des Bewusstseins setzen zu können, muss ein Song aber bestimmte Eigenschaften aufweisen. Songs, die auf Trancezustände aus sind, verzichten auf prägnante Motive und komplizierte Texte, die eine Rückkehr des Bewusstseins bewirken würden. Sie garantieren extreme Konstanz und Monotonie, ohne deshalb langweilig zu werden, indem sie minimale Variationen, einen »feinkörnigen Wechsel von Klangfarben, Strukturen, Intervallen und Intensitäten« (Cox) und ein Minimum an Information präsentieren: dass es weitergeht mit dem »Ich-Hier-Jetzt« (Dominik Paß).

Falsch

(Bild: 2x Walter Dahn)

Vor allem das kann man als DJ ‘falsch machen': zwei Platten spielen, die einfach nicht zusammenpassen. Aber wie lässt sich etwas als falsch bestimmen? Indem man auch hier auf den Wechsel der Fortsetzbarkeitsbedingungen achtet. Die Geschlossenheit einer DJ-Performance nimmt Rücksicht auf die Stimmigkeit eines Interaktionssystems, wird zu einer durchaus strengen, eigengesetzlichen Arbeit, indem jede neue Platte zur Wiederbeschreibung der gerade gespielten führt und so den Club oder »die Nacht« (Goetz) reproduziert. Man kann an eine House-Platte durchaus auch eine von Peter Maffay anschließen. In dem Moment wird das bereits Hergestellte zerstört. Vielleicht beginnt aber auch etwas Neues. Luhmanns Forderung an den Künstler war: Alternativen erkennen. Wenn der spontane Einfall regiert, so Luhmann, haben wir es nicht mit Kunst zu tun. Auch im Pop-System spielt Selbstdisziplin eine Rolle, aber sie steht in engem Zusammenhang mit der Spontaneität des Gefühls.