Der Fall Hoeness

Wir wissen nichts über die Motive von Uli Hoeness – und wir müssen auch nichts über sie wissen, denn sie spielen keine Rolle. Zumindest nicht aus rechtlicher Sicht. Wir müssen im Gegenteil für eine Beurteilung dieses Falls von den Motiven absehen.

Warum sollten wir?

Ganz einfach, weil die Norm ansonsten ihre Funktion nicht erfüllen kann. Hoeness hat womöglich gar nicht gewußt, dass er gegen geltendes Recht verstößt.

Ich glaube eher, dass er nicht einer Meinung war mit der Steuernorm. Dass er sie nicht für legitim hielt, mehr noch: für hoenesswidrig. Weil sie sich nicht mit bestimmten Werten seiner Person im Einklang befand. Dass er sich gefragt hat: Warum soll ich dabei mithelfen, eine solche Norm – eine Norm, die Erfolg bestraft – gegen meine massiv anders ausgerichtete Realität durchzuhalten?

Dann hätte ich ihm geantwortet: Weil du deine Freunde enttäuschen könntest, lieber Uli.

Welche Freunde?

Politiker, die mit für die Norm verantwortlich sind und bestimmte Erwartungen in dich haben. Vor allem die, dass du von ihnen mitgestaltete Normen auch befolgst.

Ich glaube, diese Freunde haben vor allem erwartet, dass er die private Seite auf der privaten lässt.

Was er durchaus ehrlich versucht hat. Aber dann kam der blöde Stern und ließ ihm keine Wahl. Er hat ja gesagt, das Zocken war wie Monopoly für ihn. Aber Gefängnis ist kein Spiel. Die Aussicht auf einen möglichen Freiheitsentzug hat ihm klargemacht, dass er nicht im Sinne des Rechts erwartet hatte, oder anders: dass er ein Recht darauf hat, verurteilt zu werden.

Ich weiß nicht. Ich würde eher versuchen, eine psychoanalytische Perspektive einzunehmen.

Und wie würdest du da vorgehen?

Du weißt vielleicht, dass Genießen laut Lacan alles andere als ein Genuss ist.

Nein, wußte ich nicht. Sondern?

Harte Arbeit. Wenn wir uns Dinge auf der Zunge zergehen lassen, tun wir nur unsere Pflicht. Uli Hoeness hätte somit beim Zocken nicht einfach irgendwelchen Neigungen nachgegeben – was im übrigen durchaus auf seiner Verteidigungslinie liegt –, das Zocken war kein Genuss für ihn, es hat ihm eher Schmerz als Lust bereitet. Er hat darunter gelitten, aber er konnte nicht anders: er musste seine Pflicht tun.

Zocken als Pflichterfüllung?

Ja. Was treibt einen Staatsbürger deiner Ansicht nach dazu, ethisch zu handeln? Steuern zu zahlen, sich um krebskranke Kinder zu kümmern?

Keine Ahnung. Irgendwelche Ideale vermutlich.

Ideale ist gar nicht so schlecht. Freud unterschied Ideal-Ich, Ichideal und Über-Ich. Lacans Präzisierung dieser drei Instanzen lautet: das Ideal-Ich steht für das idealisierte Selbstbild – für die Art und Weise, wie Uli Hoeness sein, wie er von anderen wahrgenommen werden möchte. Hierher gehören sämtliche in der Öffentlichkeit gemachte, für sie gedachte Äußerungen. Das Ichideal dagegen ist die Instanz, die man mit seinem Ich beeindrucken möchte – der große Andere, der Hoeness antreibt, sein Bestes zu geben, das Ideal, dem er zu folgen und das er zu verwirklichen sucht. Das Über-Ich ist die gleiche Instanz, nur befindet sie sich auf der Gegenseite: es bestraft, rächt, quält. Diese drei Instanzen entsprechen genau der für Lacan so wichtigen Trias imaginär-symbolisch-real. Das Ideal-Ich ist imaginär: Hoeness stellt sich vor, wer er gerne wäre. Er schaut in den Spiegel und sieht einen braven, hart arbeitenden, keine Steuern hinterziehenden Bürger. Er idealisiert sich. Das Ichideal dagegen ist symbolisch: der Ort im großen Anderen, von dem aus er sich betrachtet und beurteilt. Das Über-Ich ist die Wirklichkeit: die Massenmedien, die Steuerbehörde, die enttäuschte Bundeskanzlerin – die grausame Instanz, die von ihm Unmögliches fordert – immer brav abführen, nie zocken – und sich über sein Scheitern lustig macht, über seine vergeblichen Versuche, das sündige Streben zu unterlassen. Lacan fügt eine vierte Instanz hinzu. Anstatt das gute Ichideal gegen das böse, grausame Über-Ich in Stellung zu bringen, verweist er auf das Gesetz des Begehrens. Das ist die Instanz, die von uns fordert, im Einklang mit unserem Begehren zu handeln. Und die Kluft zwischen dieser Instanz und dem Ichideal – den von uns internalisierten soziosymbolischen Normen und Idealen – ist laut Lacan ziemlich groß.

Ich verstehe. Die Kluft ist schuld …

So würde ich das sehen. Sein Ichideal führte Hoeness zu moralischer Reife, machte ihn zu einem fürsorglichen Club-Präsidenten. Aber um den Preis, das Gesetz des Begehrens zu verraten.

Dann war der Grund für seine Zockerei: die Akzeptanz vernünftiger Forderungen?

Ja, das ist die Idee. Das Über-Ich ist die Kehrseite dieser moralischen Reife, weil es einen nahezu unerträglichen Druck auf uns ausübt – im Namen dieses Verrats. Wir fühlen uns schuldig, weil wir von unserem Begehren abgelassen haben. Das Verbot, Steuern zu hinterziehen, ist also nicht einfach nur negativ, es ist auch positiv bzw. produktiv. Gerade weil er sich im Geschäftsleben so im Griff hatte, war Hoeness als ‘Zocker’ nicht Herr seiner Neigungen.

Ein Fußballspiel verdoppelt die Wirklichkeit, zerteilt sie in zwei Hälften, die wirkliche Hälfte und die Spielhälfte, die dann erneut zweigeteilt wird, und zwar wiederum zweifach: innerhalb der Raum- und der Zeitdimension.

Ein Fußballspiel ist eine Episode, es hat einen Anfang, eine Mitte (die Halbzeitpause) und ein Ende. Das Spiel negiert die Wirklichkeit aber nicht. Es wird nur eine zweite Wirklichkeit verwirklicht, eine zweite Realität realisiert: die Wirklichkeit des Spiels. Diese Wirklichkeit gehorcht ganz bestimmten Bedingungen. Die wirkliche Wirklichkeit kennt keinen Schiedsrichter, der Kriege, Scheidungen oder Umweltkatastrophen einfach abpfeifen könnte. Aber natürlich enthält jedes Fußballspiel immer auch Verweisungen auf die gleichzeitig weiterexistierende Wirklichkeit. Es markiert sich selbst in jedem Moment als Spiel, das zusammenbricht, wenn diese Wirklichkeit plötzlich Einzug hält – etwa in Form eines starken Regengusses, eines Bänderrisses oder das Spielfeld stürmender Fans.

Damit das Spiel weitergehen kann, müssen seine Grenzen überwacht werden. Das geschieht in Form der Seitenlinien. „Aus“ heißt: Der Ball hat die Grenze übertreten, die das Spielgeschehen von der Wirklichkeit trennt. Es erfordert dann besondere Vorkehrungen, ihn diese Grenze erneut kreuzen zu lassen – etwa als Einwurf, der wiederum richtig ausgeführt werden muss. Die Spieler orientieren sich in der Regel an diesen Regeln, die festlegen, worin sich das Spielgeschehen von der Umwelt unterscheidet. Zwar gehört auch regelwidriges Verhalten zum Spiel, sprich: Die Spielregeln werden nicht hinfällig dadurch, dass jemand sie nicht beachtet. Aber die Regelwidrigkeit muss auch durch den Schiedsrichter korrigiert werden, sonst gehört sie nicht zum Spiel. In den Worten Otto Rehhagels: Abseits ist, wenn der Schiedsrichter pfeift.

Die Form des einzelnen Fußballspiels ist die Einheit der Differenz kontinuierlich/diskret oder auch analog/digital. Immer, wenn ein Ball angenommen wird, findet ein physikalischer Prozess statt. Deshalb ist Fußball Begrenzungen unterworfen, den Begrenzungen Newtons. Sie werden von physikalischen Gesetzen diktiert. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von Dynamik. Ein Fußballspiel ist ein dynamisches Geschehen. Derartige physikalische Systeme besitzen eine hohe Anzahl von Freiheitsgraden. Die Zahl der Möglichkeiten ist riesig. Im Fußball ist deshalb zwar nicht alles möglich, wie Franz Beckenbauer glaubt – aber vieles. Diese Veränderungen des Spielgeschehens vollziehen sich in einem Spiel nicht in Sprüngen, sondern glatt und stufenlos. Bis, heißt das, ein Tor fällt!

Von diesem Moment an ist alles anders. Waren vorher alle Übergänge kontinuierlicher Natur, ist diese Veränderung abrupt. Denn zwischen einem Tor und einem Nicht-Tor befindet sich:  nichts. Das Spiel ‚flip-flopt’, ähnlich einem Computer. Ein Tor lässt es für einen kurzen Moment innehalten. Es springt von einem Zustand in einen anderen. Genau das macht Spiele so unberechenbar, weil dieser plötzliche Zustandswechsel einen Unterschied macht, der einen gewaltigen Unterschied macht. Mit einem Mal stehen zwei andere Mannschaften auf dem Feld, ‚kippen’ längst entschiedene Partien …

Obwohl die Spieler und der Ball ständig in Bewegung sind, ändert sich der Spielstand also nur, wenn ein Tor gefallen ist. Egal, wie gut das Dribbling war. Auch wenn das Eckenverhältnis 16:0 steht. All das spielt keine Rolle. Und wenn das Spiel vorbei ist, zählt nur der letzte Punktestand. Die trockene Auflistung von Gewinnern und Verlieren, von Punkten usw. steht diesem unterhaltsamen Aspekt des Fußballspiels gegenüber. Sie ist etwas anderes. Hier das Spiel, dort die Listen. Hier ein Spielzug – dort die Frage: Tor oder nicht? Hier die Statistik – die Realität der Einzelfälle, der Beinschüsse, Handspiele, Einwürfe usw. – dort die fiktionale Realität der statistischen Aggregate, die Deutschland zu einer Turniermannschaft macht. Die Statistik beruht auf dieser Differenz von Realität und Fiktion, von Einzelwirklichkeit und aggregierender – eben fiktiver – Realität. Dass diese Aggregation – „Fakten, Fakten, Fakten“ – wiederum Einfluss nehmen kann auf das konkrete Spielgeschehen, ist bekannt. Der Glaube (an die Statistik) kann Berge versetzen (Spiele entscheiden).

Die ersten Fußballregeln werden 1846 von Studenten der Universität Cambridge verfasst. Sie sehen vor, dass in einer Mannschaft 15 bis 20 Spieler mitwirken dürfen. Erst 1870 wird die Zahl der Spieler auf 11 begrenzt. 1863 trennt man sich vom härteren Rugby, die Football Association wird gegründet. Noch ist das Handspiel erlaubt. 1868 erfolgt die erste Kleiderordnung: Die Hosen müssen über die Knie reichen.

Was bedeuten solche formale Regeln? Warum berufen sich Fußballer auf sie?

Die Antwort ist: Um sich auf sie berufen zu können. Genau davon hängt ihr konkreter Sinn ab. Regeln müssen benutzt werden – oder genauer: Man muss davon ausgehen können, dass sie benutzt werden. Dass ein Elfmeter gepfiffen, ein Tor gegeben wird.

Bernd Hölzenbein dringt in den holländischen Strafraum ein. Die Aussicht auf die Situation, in der ein Elfmeterpfiff erfolgen könnte, und auf die Möglichkeit des Verhaltens in einer solchen Situation geben der Regel des Elfmeters seine Bedeutung: als einer faktischen Entscheidungsprämisse. Nicht die innere Logik des Elfmeters allein –

ein Vergehen im Strafraum zieht womöglich einen Strafstoß nach sich, bei dessen Ausführung alle Spieler, mit Ausnahme des Ausführenden und des Torwarts, mindesten 9,5 Meter von der Strafstoßmarke entfernt sein müssen, und zwar so lange, bis der Ball eine Umdrehung zurückgelegt hat; der Torhüter muss auf der Torlinie zwischen den Torpfosten stehen, bis der Ball gestoßen wird, wobei der ‘Stoß’ wiederum nach vorne erfolgen muss

– ist also entscheidend. Viel wichtiger ist die Möglichkeit ihres Gebrauchs, die Aussicht auf einen Elfmeter: die Möglichkeit, in einer bestimmten Situation entweder aufgrund unsportlichen Verhaltens verwarnt oder einen Strafstoß zugesprochen zu kommen. Nur deshalb werden bestimmte Entscheidungen an Regeln orientiert.

Manchmal muss der Schiedsrichter die Spieler an die Erwartungen erinnern, die sie erfüllen müssen, um weiter mitspielen zu können. In der Benutzerperspektive können sich Schiedsrichter und Mitspieler begegnen und einen gemeinsamen Nenner finden für ihre Operationen mit- oder gegeneinander. Als Benutzer von Regeln unterscheiden sich die Schiedsrichter und die Spieler also nicht wesentlich. Nur faktisch: Beide sind imstande und befugt, andere an ihre formalen Pflichten zu erinnern, indem sie sich auf die Regeln berufen. Oder: ein Auge zudrücken.

Denn auch das ist bekanntlich möglich, wenn auch nicht durch Regeln geregelt. Entweder man zitiert die Regeln. Oder man toleriert faktisch abweichendes Verhalten: Fouls, Handspiele, falsche Einwürfe, Abseitspositionen. Das gilt für Schiedsrichter wie für Spieler gleichermaßen. Wann man sich auf eine Regel beruft und wann man Abweichungen toleriert, kann weder der eine noch der andere frei entscheiden. Die Frage stellt sich ja immer nur in der konkreten Situation, in der sie sich stellt, die dann meistens die eine oder die andere Lösung nahelegt. Das Verhalten in einer solchen Situation ist demnach nicht rein zufällig. Es ist auch nicht persönlich motiviert, es folgt einer ganz bestimmten Sozialordnung.

Die Begrenzung der Verhaltensmöglichkeiten in einem Fußballspiel wird durch die Verteilung der Verantwortlichkeit begrenzt. Nur der Schiedsrichter kann für die Erhaltung der Regeln verantwortlich gemacht werden. Er wird Abweichungen daher nur dulden, wenn er sich durch besondere Kautelen absichern kann, etwa indem er einen bestimmten Vorgang offiziell nicht zur Kenntnis nimmt. Aber nicht nur die Verhaltensmöglichkeiten in einem Fußballspiel unterliegen im Fußball einer Begrenzung. Sie existieren in anderer Form im Verein, sie begegnen in den zahlreichen Organisationen wie dem DFB oder der DFL oder der Fifa. Das Fußballspiel ist ein Sonderfall, weil die Regeln des Spiels – im Gegensatz zu denen des Vereins – nur zeitweise in Kraft sind, nicht immer. Mitunter genießen bestimmte Spieler und Vereine bei den Schiedsrichtern einen persönlichen Kredit. Auch in einer straff organisierten hierarchischen Organisation wie dem DFB können Personen von höherem Status erfolgreich Toleranz für abweichendes, ungewöhnliches Verhalten in Anspruch nehmen. Aber diesen persönlichen Abweichungskredit genießen auch sensible Spieler, die zu Depressionen neigen, oder überhaupt jeder, dessen besondere persönliche Empfindlichkeiten aus welchen Gründen auch immer geschont werden.

Zitieren und tolerieren sind zwei Verhaltensweisen, die voraussehbare, besondere Wirkungen haben, und sich genau deshalb anbieten. Eine Regel wie der Strafstoß dient dem, der einen Vorteil aus ihm ziehen kann, als Waffe, wenn er sie zitiert. Umgekehrt wird ein nicht gegebener Strafstoß oft zum Tauschjobjekt. Man spricht dann von einer ‘Ausgleichsentscheidung’. So kann eine Mannschaft durch Berufung auf die Regel manche Angelegenheit zu ihren Gunsten wenden. Deshalb kann man sagen, dass Regeln hart umkämpfte Ecksteine eines jeden Fußballspiels sind. Ihr strategischer Wert liegt nicht etwa darin, dass man sie exakt befolgt, sondern darin, dass über Befolgung und Nichtbefolgung entschieden werden kann – und über die dazwischenliegenden Nunancen (gelbe statt roter Karte). Ein Schiedsrichter sollte aber nicht zu viele Abweichungen tolerieren. Jede Abweichung stellt die Norm, ja die Fußballtreue selbst in Frage.

Was kann man tun, um den expressiven Gehalt einer Verfehlung abzuschwächen, sie ihrer Symbolwirkung zu entkleiden? Man kann sie verstecken, mehr oder weniger unbeabsichtigt vollziehen – dann unterläuft sie einem – oder sie gar nicht erst erkennen. Es hilft jedenfalls nicht viel, die Gründe für ein Foul durchsichtig zu machen. Jeder Fußballer muss vom groben Schwarz-Weiß der Regeln absehen können, die alles Fußballhandeln unter entweder legal oder illegal verbuchen, und seine Einstellung raffinieren, einen Sinn für Nuancen entwickeln – und für die Kombination der Gegensätze Foul-Nicht-Foul. Denn die Frage – legal oder nicht – stellt sich während eines Spiels nicht immer. Ein kurzer Schlenker ins Illegale … es gibt viele Möglichkeiten, am Rande der Legalität zu bleiben. Ein probates Mittel etwa ist die buchstäbliche und gerade dadurch verletzte Regelerfüllung (Sabotage). Der Schiedsrichter sollte daher ein hohes Maß an Geschick besitzen, um zwischen den Spannungen von Erwartungen und den Interaktionen eines Spiels vermitteln zu können. Ein gewisses Maß an Abweichung ist geradezu notwendig, ja: funktional. Ein Fußballspiel bedarf der illegalen wie der legalen Handlungen, es ist regelrecht darauf angewiesen. Wer ein Foul verbergen will, bedarf bestimmter „Hilfshandlungen des Schützens und Versteckens“ (Luhmann). Dabei ist die abweichende genau wie die konforme Handlung sozial mitmotiviert. Sie ist nicht individueller als das Befolgen der Regeln. Welche Funktion also hat das abweichende Verhalten, das Foul? Es hat die Funktion, die Ordnung des Spiels zu bestätigen. Die Abweichung von der prominenten Hauptstruktur des Spiels ist also funktional. Man könnte höchstens das entgegengesetzte, normwidrige Verhalten in die Normordnung mit hinneinnehmen, es inkorporieren. Dann hätte man es mit einer flexiblen, einer elastischen Norm zu tun.

Fouls sind nicht jedermanns Sache. Das liegt daran, dass ihr wichtigstes Merkmal die Ungewissheit der Kosten ist. Sie blockiert die meisten Möglichkeiten, rational zu entscheiden – man muss es also riskieren: Audere est facere. Oder sekundäre Stützen, die das Risiko mindern, mit hineinnehmen (die Hände hochheben). Die vorsichtige, verständnisvolle Hand des Schiedsrichters, der Wille, Spiele nicht unnötig zu zerstören, kann dabei viele der Nachteile ausgleichen. Im Schatten der offiziellen Spielordnung werden auf diese Weise wichtige Leistungen erbracht.

(Vgl. Niklas Luhmann, Funktionen und Folgen formaler Organisation)

Rolle/Person

Die Adresse lässt sich mit Hilfe der Differenz Rolle/Person genauer bestimmen: hier der Fußballer, dort Manuel Neuer, hier der Trainer, dort Jupp Heynckes. Die Rolle ist eine schematische Adresse, sie bündelt Verhaltenserwartungen, die sich an den Inhaber einer sozialen Position richten, während die Person den konkreten Menschen meint.

Von der Person Jupp Heynckes erwartet man, dass sie individuell attribuierte Einschränkungen von Verhaltensmöglichkeiten verkörpert. Sie gelten nur für den, für den sie gelten: ihn. Es sind Erwartungsrestriktionen, die sich in den meisten Fällen aus der persönlichen Bekanntschaft ergeben. Sie schränken Verhaltensmöglichkeiten von Menschen ein, die ja prinzipiell zu kontingentem Verhalten fähig sind. „Jupp Heynckes ist charakterlich einwandfrei und absolut integer.“ (Rudi Völler, Bild 26.3.2011, S. 16)

Eine Person ist also genau genommen kein Mensch, sondern eine sozial hervorgebrachte, Erwartungen aggregierende Adresse: eine »Erwartungscollage« (Luhmann). Man erwartet vom zukünftigen Bayern-Trainer Jupp Heynckes, dass es am 30. Spieltag (17. April 2011) beim Spiel Leverkusen gegen München nicht zu einem Interessenkonflikt kommt, dass er sich als charakterlich einwandfrei und absolut integer erweist. Und Heynckes weiß, was man von ihm als Person erwartet: „Mit Leverkusen Platz 2 zu festigen. Das ist meine Aufgabe.“

Der Unterschied der Person zur sozialen Adresse ist gleichbedeutend mit dem Unterschied von Rolle und individueller Rollen-Ausführung: hier der charakterlich einwandfreie Trainer – dort Jupp Heynckes. Das Bewusstsein von Jupp Heynckes ist dabei nicht identisch mit der Person, es ist nicht nur soziales Konstrukt. Es ist aber genauso wenig etwas Ursprüngliches, vorgängig Strukturiertes, Authentisches, das im Nachhinein mit ihm fremden, uneigentlichen Erwartungen (absolute Integrität, einwandfreier Charakter) konfrontiert und kommunikativ restringiert wird. Als Sinnform wirkt sich die Person  gleichermaßen auf psychische wie soziale Systeme aus, da beide ihre kombinatorischen Möglichkeiten diesem Spielraum verdanken.

Ein Jupp Heynckes findet sich genau an dieser Funktionsstelle wieder. Als Person ist er in dieser Funktion situiert, sie fungiert als strukturelle Kopplung – als Medium – des eigenen psychischen und des sozialen Systems, in das sich beide einschreiben. Sie ist eine Zweiseitigkeit, die einerseits den Fußball mit Führung versorgt und dem Bewusstsein andererseits die Wahl lässt, sich entweder mit den Zumutungen einer Adressierung als Person zu arrangieren, diese Offerte anzunehmen (Ja, ich bin absolut integer und charakterlich einwandfrei) oder aber die Akzeptanz zu verweigern, Widerstand und Abwehr zu produzieren, es also auf Konflikt anzulegen.

 

Mitgliedschaft

Mit der Regelung von Eintritt und Austritt in DFB, DFL oder einen bestimmten Verein sind bestimmte strukturelle Fundamentalentscheidungen verbunden. Die strukturelle Charakteristik zeigt sich vor allem in der Kombination und Trennung unterschiedlicher Rollen. Wer den Spielern sagen möchte, wo es langgeht, und wer sich sagen lassen möchte, wo es langgeht, weil er Geld dafür bekommt, muss zunächst einmal Mitglied eines Vereins sein. Die Mitgliedsrolle erschließt den Zugang zu allen anderen Rollen im Fußball, seien sie formaler oder informeller Natur. Denn natürlich sind längst nicht alle Erwartungen und Handlungen im Fußball formal organisiert.

Wer als Trainer, Funktionär oder Spieler arbeiten will, muss sich an einer Vielzahl unterschiedlicher Erwartungen orientieren können, an bestimmten kulturellen Typen genauso wie an situationsgebundenen Unterstellungen, an Kontinuitätserwartungen und Diskontinuitätserwartungen, an Erwartungen, die auf Regel-, und an Erwartungen, die auf Personenkenntnis beruhen. Der Trainer des FC Bayern geht davon aus, dass das Trainingsgelände an der Säbener Straße sich auch morgen noch an der Säbener Straße befindet, dass er sich auf seine Spieler – mehr oder weniger – verlassen kann, dass die Trikots halten und die Schuhe nicht bei der ersten Ballberührung auseinanderfliegen. Das Gleiche gilt natürlich auch für den Fan, der Fußball nicht als Arbeit, sondern – im Gegensatz zum Fan-Beauftragten – als Freizeitvergnügen begreift. Von diesen konkreten Handlungen, die durch unterschiedlichste Verhaltenserwartungen geordnet sind, muss die formale Organisation als eine Teilstruktur des Fußballs unterschieden werden.

Der Vorteil dieser Unterscheidung liegt darin, dass sie auch die Berücksichtigung latenter Rollen und Funktionen erlaubt, also jener Dinge, die den meisten Fußballakteuren gar nicht bewusst sind. Die formale Norm allein kann einen komplexen Handlungszusammenhang wie Fußball kaum erklären. Sinn und Entfaltungsmöglichkeiten formaler Erwartungen müssen im Kontext “faktisch gelebter Sozialität” (Luhmann) gesehen werden. Und die kennt eine Vielzahl unterschiedlicher, nicht auf Lohn und Strafe zurückgehender Motive, kennt irrationales Verhalten, kennt emotionale Indifferenz gegenüber Zwecken und Vorgesetzten. Die Realität des Fußballs besteht in dieser Faktizität der einzelnen Handlungen – hier die soziale Integration, dort die persönliche.

Handlungen und Erwartungen haben für den Fußball dabei eine andere Funktion als für den einzelnen Spieler. Was ein Philipp Lahm als Spieler des FC Bayern München tut, dient nicht einfach seiner Selbstdarstellung. Er muß auf die Rationalität des Vereins mit eigenen Formen der Selbstrationalisierung reagieren, er muss in der Lage sein, Gefühle zu vertagen, Ausdrucksbedürfnisse zurückzuhalten, Interviews nicht oder anders zu geben, er muss Vereinsinteressen und solche der eigenen Person koordinieren können. Das ist nicht immer leicht. Von einem Fußballspieler des FC Bayern München wird ja nicht nur verlangt, etwas ‘beizutragen’ (Tore, Flanken usw.). Sondern auch ein bestimmtes verbales Verhalten, das die formalen Erwartungen stützt und zuletzt ihre Institutionalisierung möglich macht. Ein Philipp Lahm muss die Ziele und Zwecke des FC Bayern München gutheißen, er muss die Entscheidungsrechte der Vereinsführung anerkennen und alle formalen Regeln achten und bestätigen. Auch dann, wenn es gar nicht um das eigene Verhalten geht.