Abstrakt

Abstrakte Malerei ist angetreten, den Bezug auf Bestimmtes so weit wie möglich zu eliminieren: „Blickt nicht auf Boote, Zelte, Kardinäle! Blickt auf die absoluten Qualitäten, auf die Farben, auf die Texturen der Pigmente, auf die Möglichkeiten der Formerfindungen, auf das Arrangement, nicht auf das Arrangierte!“ Es geht um Mitteilungsfragen – und nur um sie: um Format, Medium, Textur, Oberfläche, Leuchtkraft, Technik, Präsenz im Original (‘Aura’).

Zwar präsentiert sich auch die Abstrakte Malerei als Mitteilung von etwas. Aber sie bedarf der begleitenden Texte, die uns darüber informieren, welches Etwas jeweils gemeint ist. Die Suche nach dem Ewigen, Mystischen (Hans Arp). Der Versuch, zu einer ‘exakten’ Audsdrucksweise zu kommen (Theo van Doesburg).

„Ich kann in diesen kleinen Quadraten nichts Rechtes sehen, was wollen Sie damit?“ fragt Sänger A (Piet Mondrian) den Maler B (Piet Mondrian). „Ich will“, antwortet Maler B, „durch die Gegenüberstellung von Farbe und Linie Beziehungen herstellen.“ – „Und das geht nicht, wenn man einem Baum malt?“ – „Nicht wirklich“, erwidert Maler B, „in der Naturform tritt Beziehung ‘verschleiert’ auf.“ Die Bildidee soll nicht mehr den Durchgang durch irgendein Etwas antreten, durch ein ‘Dies-und-das’, sie soll die Referenznotwendigkeit der Malerei unterlaufen, um „unmittelbar“ zur Geltung zu kommen: „rein“.

Lässt sich ein gemaltes Etwas nicht mehr ohne weiteres identifizieren, lässt sich bestimmter Sinn nicht mehr einfach zuweisen, benötigt man vor allem eines: Zeit. Auch wenn einem der Sinn der kleinen Mondrian-Quadrate psychisch unmittelbar einleuchtet – diese Schlüssigkeit lässt sich nur unter größten Mühen in Sprache übersetzen. Denn nun muss man einsetzen, was das Bild nicht einzusetzen vorgibt, die Referenz auf ein Etwas. Seitdem bedarf die Kunst mehr denn je der ‘Texte zur Kunst’, die mithelfen, das Dargestellte zu dechiffrieren, einen nicht unmittelbar feststellbaren Sinn zu (re-)konstruieren.