Falsch

(Bild: 2x Walter Dahn)

Vor allem das kann man als DJ ‘falsch machen': zwei Platten spielen, die einfach nicht zusammenpassen. Aber wie lässt sich etwas als falsch bestimmen? Indem man auch hier auf den Wechsel der Fortsetzbarkeitsbedingungen achtet. Die Geschlossenheit einer DJ-Performance nimmt Rücksicht auf die Stimmigkeit eines Interaktionssystems, wird zu einer durchaus strengen, eigengesetzlichen Arbeit, indem jede neue Platte zur Wiederbeschreibung der gerade gespielten führt und so den Club oder »die Nacht« (Goetz) reproduziert. Man kann an eine House-Platte durchaus auch eine von Peter Maffay anschließen. In dem Moment wird das bereits Hergestellte zerstört. Vielleicht beginnt aber auch etwas Neues. Luhmanns Forderung an den Künstler war: Alternativen erkennen. Wenn der spontane Einfall regiert, so Luhmann, haben wir es nicht mit Kunst zu tun. Auch im Pop-System spielt Selbstdisziplin eine Rolle, aber sie steht in engem Zusammenhang mit der Spontaneität des Gefühls.

Person, Gewissen, Unperson

Kein Bewusstsein ist Person, ist Sozialstruktur. Aber Bewusstsein kann durch die Form Person supercodiert werden, die es dann möglich macht, auf die eine oder andere Seite dieser Form zu setzen, sich also so zu verhalten, dass die auf die Person bezogenen Verhaltenseinschränkungen entweder sozial konfirmiert werden – oder die Grenze zu kreuzen, die Chancen der Unperson zu genießen und die mit der Personalität verbundenen Zumutungen zurückzuweisen. Etwa jene Personen Spießer zu nennen, die auf korrekte Zitierweisen setzen, um stattdessen die sozial mögliche Konfirmation der Nonkonformität zu wählen und sich als schamloser Plagiator zu outen: “Die Nichtanerkennung der Eigentumsverhältnisse, die Abschaffung des Tauschprinzips kann nur durch den Diebstahl durchbrochen werden!”
Das Schema Person enthält also einerseits die Zumutung bestimmter Erwartungen und unterstellt andererseits eine Instanz, die den Erwartungen zuwiderhandeln kann – Bewusstsein, „freien Willen“. Doch die Freiheitsgrade sind sozial konditioniert. Es gibt kein Entkommen, keinen Ausbruch aus der Gesellschaft. Auch Kannibalismus ist nur eine Option unter anderen.
Dadurch, dass ein Name (Annette Schavan) oder eine Rolle (Ministerin für Bildung und Forschung) genannt wird, werden Erwartungen dirigiert. Personalität wird versachlicht und zugespitzt. Das kann mitunter dazu führen, dass man zu dem Wesen wird, das andere in einen hineinsehen, als das man in der Kommunikation erscheint. Rolle und Namen organisieren Irritabilität, erst sie machen klar, was zu erwarten gewesen wäre. Was erscheint, ist eine prinzipiell benennbare, durch Kommunikation erreichbare Umwelteinheit – ein Bündel kommunikativer Erwartungen, die insofern unsichtbhar sind, weil sie erst im Falle einer Abweichung vom Gewohnten, Erwarteten sichtbar werden.
Im normalen Leben erwartet man, dass die Ministerin für Bildung und Forschung beim Verfassen ihrer Doktorarbeit nach bestem Wissen und Gewissen gearbeitet und nicht ‚geschummelt‘ hat. Wobei hier alles abhängt von der sozialen Akzeptanz, die für eine bestimmte Performance beschafft werden kann. Wieviel Konformität, wieviel Devianz ist zu bestimmten Zeiten in der Wissenschaft plausibel und verkraftbar? Mittelalterliche Textgepflogenheiten können die Verteidiger Schavans kaum geltend machen. Auch die angeblich eher ‘laxen’ Zitierweisen der 70er Jahre nicht. Sie könnten indes, so Peter Fuchs, “hinweisen auf eine Phraseologie, die etwas anmahnt, was es bei Qualifikationsarbeiten sehr selten gibt: Nicht-Schummelei.”
Nun kann weder in der Politik noch im Leben alles erwartet werden. Die mit dieser Zuspitzung einhergehenden Strukturen sind daher immer selektiv, bestimmte Kommunikationen werden von vornherein ausgeschlossen. Die Gesellschaft verspricht sich von einem Rockstar andere Dinge als vom Vorstandsvorsitzenden einer Bank und vom Vorstandsvorsitzenden einer Bank wiederum andere Dinge als von einer Ministerin für Bildung und Forschung. Von Annette Schavan wiederum wurde eine individuelle Ausführung ihrer Minister-Rolle erwartet. Kennt man eine Ministerin für Bildung, kennt man alle? Eben nicht. Was erwartet man von Johanna Wanka? Jedenfalls nichts, durch das deutlich wird, was zu erwarten gewesen wäre, wenn man es erwartet hätte.

Die Person als ‘individuell attribuierte Einschränkung von Verhaltensmöglichkeiten’ ist also nicht denkbar ohne ihre Kehr-Seite, eine kommunikativ (noch!) nicht bekannte. Wird sie bekannt, bleibt einem nichts anderes übrig, als diese Einschränkung zu modifizieren. Ist man selbst betroffen, kommt womöglich erneut die eingangs beschriebene Selektionsstrategie zum Zug, die ein Selbstbild entwirft, das bestimmte soziale Adressierungen zurückweist: Das bin ich nicht, das bin nicht ich.

Anders verhält es sich im Falle der Erwartungen Gottes, die als Verlautbarungen einer externen internen Stimme ihren Niederschlag finden – als Gewissen. Man könnte vom eigentlichen im Unterschied zum uneigentlichen Sollen sprechen. Diese Forderungen lassen sich offenbar nicht so einfach zurückweisen. Auch von Atheisten oder Agnostikern nicht, in denen das Gewissen als Säkular-Variante Form annimmt (‘Über-Ich’).

Bisher hatte Heino – laut eigenen Angaben – “die schönen alten Lieder zu neuem Leben erweckt”. Nun verfährt er genau umgekehrt. Sein aktuelles Album, auf dem der „Schunkel-Opa“ (BILD) Songs von Rammstein und den Ärzten covert, parasitiert an einer Art allergischen Reaktion des Pop-Systems. Ähnlicher Taktiken der Verunsicherung bedienten sich Musiker wie Jan Distelmayer oder Heinz-Rudolf Kunze – mit dem nicht unwesentlichen Unterschied, dass Heino von der Schlager-Seite kreuzt. Das Resultat: Man weiß für einen Augenblick nicht weiter, muss die Kombination von Schlager und Rockgitarre, Hipster und Spießer, Rocker und Schunkel-Opa in Strukturen umformen, und reagiert entweder normativ (Heino darf das nicht) und hat dann das Problem, die Erwartungen an Pop kontrafaktisch aufrechterhalten zu müssen – oder man stellt die Strukturen um.

Der Einschluss von Heino in Pop verlief in zwei Stufen, zunächst vorbereitet durch den „wahren Heino“ Norbert Hähnel, der den lange Geschmähten unter dem Kult-Etikett wieder salon- bzw. popfähig machte, schließlich durch Heino selbst, dem mit dem Enzian-Rap in den 80er Jahren ein Hit gelang. Heino berichtet: „Der damalige Pop-Manager von Eastwest-Records, Michael Oplesch, wollte den Titel sicherheitshalber erstmal testen: Wir müssen rauskriegen, ob die jungen Leute das überhaupt annehmen. Er hatte eine brillante Test-Idee. Ich sollte mit dem Rap-Enzian in die Pop-Sendung Formel 1 des Bayerischen Fernsehens gehen. Das war eine moderne, freche, unkonventionelle und sehr beliebte Show, in der die aktuellen Hits aus den Charts vorgestellt wurden. Eine junge, kesse Moderatorin, flippy Kulissen, kurze witzige Interviews. Das Modernste, was es damals für die Kids zwischen 12 und 17 im Fernsehen gab.“ Heino wird ein Rock’n’Roll-Symbol zugemutet: „Ich musste eine Lederjacke anziehen … Ich legte los, und die Kids haben spontan mitgesungen. Als ich fertig war mit dem Enzian-Rap, brach im Studio die Hölle los. Es war auf Anhieb ein Riesenerfolg … Ich war der einzige traditionelle Sänger unter lauter Rock- und Pop-Größen, zum Beispiel Udo Lindenberg … Es gab keinen Generationskonflikt, wir verstanden uns alle.“

Grundsätzlich panzert sich das System gegen Änderungsdruck. Es stellt intern zur Wahl, wie es auf Irritationen reagiert, ob es sie als Störung verbucht oder als Anregung. Der Vorteil dieser Zwei-Seiten-Prozessualität: trotz zunehmender Komplexität ist immer noch klar, was Pop ist und was nicht, können Regelmäßigkeiten errechnet werden. Doch jede Unterscheidung ist dekonstruierbar. Das System kann die Welt ja nur mit einer flexiblen, nicht irgendwelche Gegenstände fixierenden Unterscheidung erfassen. Das System registriert Heino als Nicht-Pop – genau wie er sich selbst: als „einziger traditioneller Sänger unter lauter Rock- und Pop-Größen“ – und diese Registratur ist ihm nur möglich, weil es sich an bereits regulierten Erwartungen ausrichtet. Heino irritiert, mehr noch: stört die normalen Abläufe. Man will mit ihm nichts zu tun haben. Der Sänger selbst ist sich dessen bewusst: Eigentlich gehört ein Heino ja nicht in eine moderne, freche, unkonventionelle Sendung wie Formel 1 – sondern in eine brave, konventionelle. Was aber, wenn er rapt, eine Lederjacke anzieht? Wenn er einen Punksong covert? Dann „britzelt“ es. Entweder Pop ändert daraufhin die Struktur, so dass das Ereignis als strukturkonform erscheinen kann, oder es bleibt bei der Struktur, externalisiert, rechnet Heino also weiterhin der Umwelt zu. Im Falle des Enzian-Rap modalisiert Pop die Erwartung, reagiert also nicht normativ, wie Oplesch befürchtet hatte. Denn gerade die normative Reaktion auf Heino war die bisher übliche: „Meine Lieder wurden verrissen, die Texte niedergemacht, ich selber wurde in die Nähe der Rechtsradikalen, der Ewiggestrigen gerückt.“

Die Camp- und Trash-Semantik trug erheblich dazu bei, Schlager als Pop zu verwahrscheinlichen. Das Britzeln ist längst einem sanften Schimmern gewichen. Business as usual: Bushido rapt mit bzw. vs. Karel Gott, die Sportfreunde Stiller treten zusammen mit Udo Jürgens auf, Heino covert die Ärzte – und niemand regt sich auf. Bis auf einige Ewiggestrige wie den Manager der Band, was wiederum die Selektoren der Massenmedien wirksam werden lässt, die nun über ein Thema verfügen, das sie aufgreifen und in Information verwandeln können: „Rocker-Krieg gegen Heino!“

Das systemeigene Netzwerk beantwortet die Frage nach dem Schlager also anders als die Reflexionseliten des Systems. Für sie bleibt er ein wichtiger Bestandteil der eigenen imaginären Konstruktionen – eine Art semantischer Zombie, ein lebender Toter, der nicht sterben darf, weil er ständig negiert werden und genau dafür zur Verfügung stehen muss. „Untote Musik“ nennt Tobias Rüther den Schlager denn auch anläßlich des aktuellen Heino-Albums in der FAS. Anstatt die Erwartungen an Pop aufzugeben oder zumindest zu korrigieren (mit der taz: “Wir machen doch alle eh bloß Heino-Musik!”), hält man enttäuschungsimmun fest an einer heilen Welt, in der ein authentischer Rocker sich von einem “Heini” wie Heino grundlegend unterscheidet. Hier Redundanz und „aufs höchste Pathos gepumpte Sentenzenhaftigkeit“ (Rüther über Geboren um zu leben) – dort eine Musik, die nicht so tut als ob, sondern die ist, was sie ist. Zum Glück kann diese Semantik der Authentizität, der nicht-redundanten Texte und der Distinktionsgewinne die spielerische Variation der Popformen aber nicht verhindern. Die Semantik kann in eine illusionäre, bessere Welt verschoben werden, eine Welt der originellen und interessanten Songtexte, der brillanten und ironischen Aussagen, der Interpreten, die Liedern “etwas Neues, Ungesagtes über sich selbst entlocken” (Rüther), mit einem Wort: in eine Welt des guten Pop. Der wirkliche macht derweil einfach weiter.

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