Pop, so Simon Reynolds, sei an Retromanie erkrankt. Aber warum?

Reynolds wählt – aus einer Vielzahl möglicher Ursachen – das Internet als dominanten Faktor aus. Die enorm erweiterte Speicherfähigkeit des Popgedächtnisses, so die These, sei der Grund für ein archivarisches Delirium; die durch das Netz gegebene gleichzeitige Verfügbarkeit zeitverschiedener Formen, der dadurch ermöglichte wahlfreie Zugriff auf den historischen Vorrat bedinge zuletzt die Loslösung von der Sequentialität und Periodizität der Geschichte.
Damit steht für die Historiker (und für Reynolds selbst) nicht weniger als die Existenz der eigenen Disziplin auf dem Spiel. Was nicht zuletzt die Dramatik der Wortwahl – Retromanie als death knell – erklärt. Denn wenn sich keine Reihenfolgen mehr herstellen lassen, fällt damit auch das Er-Zählen, die Engführung auf ein Nacheinander voneinander unterscheidbarer und aufeinander bezogener Momente aus. Nur hieß ‚erzählen‘ immer schon: dieses Nacheinander erzeugen. Wer erzählen will, muss einen Anfang bezeichnen, der ein bestimmtes Ende in Aussicht stellt. Das geschieht, indem man Ursachen und Wirkungen identifiziert, wobei als Ursachen in der Regel einzelne Mitteilungshandlungen bzw. Mitteilungshandelnde dienen. Sie ermöglichen Sequentialisierung und machen so das eigentlich Nicht-Erzählbare erzählbar: Erst Elvis, dann die Beatles. Erst die Beatles, dann die Stones.
Diese Erzählung sei heute nicht mehr möglich, so Reynolds, da Pop keine „immanente Entwicklungslogik“ mehr aufweise. Im atemlosen, blinden Spiel des 21st Century Pop lassen sich Ursachen zuletzt nicht mehr von Wirkungen unterscheiden, die Einzelmomente nicht mehr aufeinander beziehen. Kaum beginnt ein Profil, wird es schon wieder in der Kreisbewegung verwirbelt, deren Tempo stetig zuzunehmen scheint: ein Sound, ein Stil, ein Star vorbeigesendet … Die Räder der Maschine stehen also keineswegs still, Pop geht hin und eilt sich, mit Rilke zu sprechen, aber er kreist und dreht sich nur noch. Die Buntheit, die Rasanz und die Fülle der Phänomene verhüllen nur eine grundsätzliche Starrheit: dass die Bewegung nicht nach vorwärts geht.

Aber warum geht es nicht nach vorwärts – weil die Musiker, die auf die alten Schätze zugreifen, nicht am Wogegen einstiger Innovationen, an Entstehungskontexten, historischen Motiven usw. interessiert sind? Dass die Vielfalt dessen, was Popmusik hervorgebracht hat, von den meisten Produzenten nur noch als Verschiedenheit betrachtet und dadurch nivelliert wird, ist evident. Genau das ist ja im genauen Sinne postmodern: Das sinnlos gewordene Insistieren auf Neuheit des Einzelwerks weicht der Freiheit im Kombinieren alter Formen, die durch Identifikation aus ihren Kontexten herausgezogen, für sich als wiederholenswert konfirmiert werden – und in welcher Form  das geschieht, ist beliebig. Von daher ist die Frage, inwiefern von hier aus historisch der nächste Schritt möglich ist, mehr als legitim. Doch das Postulat einer ‚immanenten Entwicklungstendenz‘ arbeitet mit Kausalitätsunterstellungen, die der Komplexität der popinternen Prozesse kaum gerecht werden.

Dass das Tempo, in dem Pop auf Pop reagiert, zugenommen hat, ist offensichtlich – ein Phänomen, das auf rudimentäre Weise auch in den Songs selbst reflektiert wird und das sich direkt auf die Ausdifferenzierung des Systems Mitte der 50er Jahre zurückführen lässt. Dabei legen die als Retro beobachteten Formen den Akzent zwar auf die Wiederholung alter Formbestände. Aber selbst die bloße Wiedervorlage (wozu im strengen Sinne nur Re-issues zählen) legt ja nicht dasselbe vor, weil das Wiedervorlegen an einer anderen Zeitstelle geschieht und das erneut Vorgelegte – die ‘Neu-Auflage’ – deshalb notwendig und automatisch mit Sinn angereichert wird. Selbst in den „zitatseligsten Auswüchsen von Retrobewegungen“ (Dath) wird Gegenwart kommuniziert! Auch der vermeintliche Stillstand muss ja in der Zeit stabilisiert werden, auch Stagnation ist Reproduktion, auch sie vollzieht sich als abweichende. Reproduktion kann nicht als bloße Replikation gedacht werden, als eine Kreisbewegung, Endlosschleife. Es reicht nicht, dass ein Song immer weiter wiederholt wird. Auch wenn im Pop nicht die Informationskomponente der ausschlaggebende Faktor ist, Popmusik setzt nicht zwingend Überraschung voraus. Doch irgendwann ist auch mit der heavy rotation des erfolgreichsten Titels aller Zeiten Schluss. Dann muss etwas anderes, Neues angeschlossen werden.

In diesem Sinne lässt sich Retro als Versuch begreifen, im Pop neue Formen des Umgangs mit den durch Computer bzw. Internet bewirkten Irritationen zu entwickeln. Denn wie kommt man in einer solchen Situation zu neuen, dem Medium angemessenen Formen? Indem man auf die Nichtverwirklichungen, auf das durch Nichtverwirklichung Potentialisierte zurückgreift. Das gilt natürlich auch für bereits verwirklichte und  mittlerweile verabschiedete Programme. Wobei längst nicht alles, was re-aktualisiert wird, sich auch bewährt. Damit stellt sich die Frage nach dem Erfolg einer Selektion. Manche Selektionen bewähren sich, andere nicht. Erweisen sie sich als anschlussfähig? Sollen sie in künftigen Situationen wiederverwendet werden? Nur darum geht es. Der Sixties-Soul einer Amy Winehouse oder der Pop-Swing eines Robbie Williams haben sich als überaus anschlussfähig erwiesen. Offenbar lässt sich mit den alten Formen etwas anfangen. Sie werden als perfekt bewundert – und da es sie schon gibt, ist es mehr als naheliegend, sie erneut zum Leben erwecken. Nicht nur im Hinblick auf den Wiedergewinn alten Könnens an Hand bestimmter Formatvorlagen (‘Manier’), sondern auch  im Hinblick auf andere Möglichkeiten! Denn die durch diese Re-Aktualisierungen mitreproduzierten Sinnüberschüsse können anschließend für die Einfügung neuer Formen genutzt werden: für weniger perfekten, zukünftigen, retroreflexiven oder feministischen Pop. Das Nachahmen selbst sorgt somit dafür, dass es weitergeht.

Mit dem Auftreten von Computer und Internet verändert sich auch die Rolle der Kritik. Das bisherige, zeitlich gestaffelte Auswahlverfahren der Popgeschichte profitierte nicht nur von der Strenge der Kriterien, sondern auch von deren Andersartigkeit. Gerade das, was die Mitwelt oft übersah, was es nicht zum Hit schaffte, sondern floppte, wurde dann der Nachwelt anempfohlen: Die Monks! Alex Chilton! Gang Gang Dance! Nun haben nicht mehr die Experten, sondern die Hörer selbst das (vorerst) letzte Wort. Geschichte ist damit nicht mehr von ihrem ästhetischen Urteil abhängig. Ist Retrologie also zuletzt nicht mehr als die Abwehrhandlung einer Schicht von Pop-Historikern, die befürchten, sozial funktionslos zu werden?
Auch für eine These stellt sich die Frage nach ihrem Erfolg – und die Selektion ‚Pop ist retromanisch‘ hat sich bewährt. Das könnte daran liegen, dass uns die Retrologie eine Beobachterposition zur Verfügung stellt, von der aus wir die zersplitterte Pop-Landschaft – ein allerletztes Mal? – auf einen Blick erfassen und bestimmen können. Pop wird mit einem Narrativ ausgestattet, das vorgibt, keines zu sein, und das es erlaubt, den eigentlich nicht mehr erzählbaren Zusammenhang wieder erzählbar zu machen. Die Funktion dieser Erzählung ist die Integration. Die unübersichtliche Vielfalt des gegenwärtigen Pop-Geschehens lässt sich so erneut zur Einheit zusammenschließen – im Blick auf die Disparatheit dessen, womit Popstars, Fans und Experten heute konfrontiert werden.

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Direkt übers Auge ins Hirn

Die Fotos von Wolfgang Burat sind nicht von selbst entstanden, sie verdanken sich einer Absicht – aber welcher? Offenbar will er uns etwas mitteilen – aber was?

In jedem Fall: verweist das Hergestelltsein seiner Fotos auf eine Mitteilungsabsicht. Mag sein, er sieht mehr in seine Fotos hinein, als andere herauslesen können: „Seht her, dieses Bild verkörpert die Sehnsucht in ihrer reinsten Form!“ Vielleicht ist es genau umgekehrt. Aber das gilt ja für jede Kommunikation.

Allerdings sind seine Bilder nicht auf ein angemessenes Verständnis aus, im Sinne von: Ja, finde ich auch/Nein, finde ich nicht. Natürlich kann man über sie sprechen, können wir ein Foto für gelungen oder mißlungen erklären und damit in die Gabelung laufen, mit dieser Mitteilung akzeptiert oder abgelehnt zu werden. Und genau das geschieht, pausenlos. Aber das ist nur Kommunikation über das Foto, nicht Kommunikation durch das Foto. Die Beobachtungsleistungen, die es uns abverlangt, sind diffus genug, die Bifurkation des ‘ja’ oder ‘nein’ gerade zu umgehen. Wir sehen, was wir sehen. Im Falle dieses Blogeintrags: zum Beispiel den starrenden Wolfgang Burat selbst.

Besser und kürzer hat das Clara Drechsler, die größte deutsche Popautorin, in einem Aufsatz zu Ehren Burats formuliert: „Einen Text muß man lesen, d.h. man muß bereits denken, um die Information überhaupt zu erhalten. Das Foto dagegen starrt einen an oder läßt tief blicken, in jedem Fall stürzt es sich direkt übers Auge ins Hirn.“

Wolfgang Burat -“No Tears.Photos 1980-1990″

Tanja Pol Galerie, 10.21.2011-12.23.2011

http://www.tanjapol.com/exhibitions/40/no_tears_photos_1980_1990